Tripolis. Nach dem schweren Bootsunglück vor der Küste Libyens mit möglicherweise Dutzenden Toten dringt die EU-Kommission erneut auf eine Lösung zur Verteilung von aus Seenot geretteten Migranten. Der am Donnerstag bekannt gewordene Vorfall sei "eine Erinnerung daran, dass es dringend vorhersehbare Regelungen" brauche, sagte eine Sprecherin der Brüsseler Behörde am Freitag.

So gebe es auch für jene, die im Mittelmeer Leben retteten, mehr Vorhersehbarkeit. Zugleich betonte die Sprecherin, dass die Tragödie "eine schreckliche Erinnerung daran" sei, welches Risiko die Migranten auf ihrem Weg nach Europa eingehen. "Jedes verlorene Leben ist eines zu viel."

UNO fordert Ende der Internierung

Die Organisationen der Vereinten Nationen forderten am Freitag, die Seenotrettung dort wieder aufzunehmen. Das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und das UNO-Kinderhilfswerk Unicef riefen darüber hinaus dazu auf, die Internierung von Flüchtlingen und Migranten in Libyen zu beenden.

Nach Angaben der libyschen Küstenwache vom Donnerstag wurden nach dem Bootsunglück 115 Migranten vermisst. Die Befürchtung ist, dass Dutzende Menschen tot sein könnten. Es wäre das schwerste Bootsunglück im Mittelmeer in diesem Jahr.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) berichtete unter Berufung auf Augenzeugen von mindestens 70 Leichen im Wasser. Überlebende hätten zudem ausgesagt, sie seien Teil einer Gruppe von 300 Menschen gewesen. Insgesamt sei die Lage vor Ort jedoch bisher sehr unklar.

115 Geflüchtete werden noch vermisst, 135 Menschen wurden MSF zufolge gerettet und in den Hafen der Stadt Al-Khoms gebracht. Sie hätten unter Sauerstoffmangel und Unterkühlung gelitten, weil sie lange Zeit im Wasser gewesen seien, sagte der MSF-Geschäftsführer in Deutschland, Florian Westphal

Salvini sieht EU gefordert

Der italienische Innenminister Matteo Salvini nahm das Unglück zum Anlass, mehr Druck auf Europa für eine effizientere Bekämpfung der Schlepperei zu machen. "Europa muss auf Worte Taten folgen lassen", verlangte Salvini in einem Radiointerview am Freitag.

"Das Problem ist, die Schlepper zu stoppen. Italien leistet seinen Teil. Wir lassen niemanden im Mittelmeer ertrinken. Zuletzt hat eines unserer Schiffe zwei Boote in Schwierigkeiten gerettet. Wenn (Frankreichs Präsident Emmanuel) Macron jedoch denkt, dass alle Migrantenschiffe in Italien landen und nur wir uns mit dem Problem kümmern müssen, täuscht er sich", sagte Salvini.

Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) könnten bis zu 300 Menschen in Seenot gewesen sein, unter ihnen Frauen und Kinder. Am späten Abend teilte IOM mit, dass 87 Migranten an die libysche Küste zurückgebracht worden seien. 84 von ihnen seien in das Internierungslager Tajura gebracht worden.

Derzeit keine privaten Rettungsschiffe unterwegs

Derzeit sind keine privaten Rettungsschiffe im Mittelmeer unterwegs. Die deutsche Organisation Sea-Eye kündigte allerdings am Donnerstag an, mit der "Alan Kurdi" in Richtung der Rettungszone vor der libyschen Küste aufzubrechen. Dort werde sie voraussichtlich Dienstag eintreffen, erklärte die Regensburger Organisation. Innerhalb der Europäischen Union läuft ein Streit darüber, wie Migranten verteilt werden sollen, die im Mittelmeer gerettet werden.

Derweil gab die italienische Abgeordnetenkammer am Donnerstag grünes Licht für einen Gesetzesentwurf, nach dem Seenotrettern in dem Land künftig Strafen von bis zu einer Million Euro drohen könnten, wenn sie mit ihren Schiffen unerlaubt in italienische Hoheitsgewässer fahren. Das neue Gesetz soll den Behörden im Fall einer Verletzung eines Einfuhrverbots auch ermöglichen, das betreffende Schiff zu konfiszieren. Damit wird der Druck auf Hilfsorganisationen, die im Mittelmeer Migranten retten, weiter erhöht.

Das Mittelmeer gehört zu den gefährlichsten Fluchtrouten für Menschen, die nach Europa kommen wollen. Beim Versuch, es zu überqueren, kamen heuer nach Angaben des UNHCR bereits 669 Menschen ums Leben - die 115 Vermissten aus dem aktuellen schweren Unglück sind dabei noch nicht mitgerechnet. Mehr als 3700 seien aufgegriffen und in Internierungslager in Libyen gebracht worden. Der nordafrikanische Staat ist ein Transitland für Tausende von Migranten. (apa, dpa)