Wien. Es kommen so wenige Menschen wie schon lange nicht mehr über das Mittelmeer nach Europa. Rund 34.000 Migranten haben 2019 bisher die gefährliche Überfahrt gewagt. 2018 waren es im selben Zeitraum doppelt so viele. Wie riskant die Flucht über das Meer ist, zeigt das schwere Bootsunglück vor der libyschen Küste mit mehr als 100 Vermissten am Donnerstag.

Doch der Streit über die Verteilung der Geretteten wird so emotional ausgetragen wie seit langem nicht mehr. Auf der einen Seite zeichnet sich eine "Koalition der Willigen" ab. 14 EU-Länder wollen einer Verteilung zustimmen.

Auf der anderen Seite bauen die Hardliner weiter an der Festung Europa. Schiffen wird die Einfahrt verweigert, Kapitäne werden vor Gericht gezerrt. Italien setzt auf Abschreckung und will künftig Strafen in Höhe von bis zu einer Million Euro verhängen - wenn sich wieder ein Rettungsschiff einem Hafen nähern sollte. Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz kritisierte den deutsch-französischen Vorschlag für einen neuen Verteilmechanismus. Es würde ein "falsches Signal in Richtung Schlepper und Migranten" senden. Denn dadurch würden sich mehr Menschen auf den Weg machen. Zieht Flüchtlingsverteilung also eine Massenzuwanderung nach sich?

Fundament für Aussagen wie die von Kurz ist die These, dass es einen sogenannten Pull-Effekt gibt. Die Migranten fliehen von Afrika Richtung Europa, in dem Wissen, dass hilfsbereite Menschen sie aus dem Wasser retten. Schiffe wie die "Sea Watch 3", die "Alan Kurdi" und die "Lifeline" würden wie Lockvögel wirken, so der gängige Vorwurf. Auch die europäische Grenzschutzagentur Frontex vermutet in einer Risiko-Analyse aus dem Jahr 2017 einen solchen Effekt.

Kreuzen mehr Rettungsschiffe, fliehen mehr Migranten. Es klingt einfach und logisch. Doch Wissenschaftern zufolge lässt sich die These nicht erhärten. "Es gibt keinen einzigen Beleg dafür, dass die Seenotrettung einen Beitrag dazu leistet, dass sich mehr Menschen auf den Weg machen", erklärt Jochen Oltmer, Migrationsforscher an der Universität Osnabrück.

Keine empirischen Belege

Eine Studie der Universität Oxford aus dem Jahr 2017 hat etwa untersucht, ob die Anwesenheit von Rettungsmissionen mehr Migranten zu einer Überfahrt über das Mittelmeer ermutigt. Dazu wurden Ankunftszahlen aus Zeiten mit hoher und niedriger Rettungsaktivität im Zeitraum 2014 bis 2016 verglichen. Das Resultat: Die Zahlen unterscheiden sich kaum. Die Studie wurde häufig zitiert. Kritiker sagen aber, sie sei veraltet und würde die derzeitige Situation nicht abbilden. Zahlen aus der ersten Hälfte des Jahres 2019 zeigen jedoch, dass sich auch heute kein Pull-Faktor empirisch belegen lässt. Der Migrationswissenschafter Matteo Villa vom "Italian Institute for International Political Studies" hat erhoben, wie viele Migranten von der libyschen Küste ablegen und an wie vielen dieser Tage Rettungsschiffe von zivilen Organisationen in der Nähe waren.