Sein Ergebnis: Von 1. Jänner bis 30. Juni fuhren an 31 Tagen NGO-Schiffe vor den libyschen Gewässern. In dieser Zeit schickten Schlepper im Schnitt 32,8 Menschen aufs Meer. An den 149 Tagen, an denen kein Rettungsschiff unterwegs war, legten durchschnittlich 34,6 Menschen ab. "Die privaten Rettungsschiffe haben keinen Effekt auf die ablegenden Boote", sagt Villa der "Wiener Zeitung". Was sich stattdessen auf die Überfahrten der Migranten ausgewirkt habe, sei die Flüchtlingspolitik Italiens. Der frühere Innenminister Marco Minniti schloss 2017 einen Deal mit libyschen Milizen. Die sollten die Schlepper stoppen. Also änderten sie ihre Strategie. Anstatt die Menschen aufs Meer zu schicken, sperrten sie die Schlepper in Flüchtlingslager. Zwischen Juli 2017 und Mai 2018 ging die Zahl der ablegenden Migranten im Schnitt um 13.000 zurück. "Der Rückgang ist höchst signifikant", betont Villa, der seine Daten vom Innenministerium, von den Vereinten Nationen und aus Medienberichten zusammentrug.

"Fluchtwege sind nicht linear"

Die Politik der geschlossenen Häfen des jetzigen Innenministers Matteo Salvini habe einen ähnlichen Effekt. Außerdem spielt Villa zufolge das Wetter eine entscheidende Rolle. In den Sommermonaten würden sich aufgrund der günstigen Bedingungen mehr Boote auf den Weg machen.

Die Flucht überhaupt anzutreten, ist eine komplexe Entscheidung. Meist sind es jüngere Männer, die bereit sind, das Risiko auf sich zu nehmen. "Die Pull-These stellt es relativ schlicht dar: Die Menschen sind selbst gar nicht aktiv", sagt Oltmer. Die Vorstellung vom passiven Migranten widerspricht jedoch der Realität.

Die Menschen nehmen zum Teil sehr lange Reisen auf sich. "Befragungen haben gezeigt, dass ein nicht geringer Teil tatsächlich mehr als zwei Jahre unterwegs war, um überhaupt nach Nordafrika zu gelangen", erzählt Oltmer. "Die Fluchtwege sind nicht linear. Die Leute werden aufgehalten, müssen Grenzen überqueren, Umwege in Kauf nehmen. Oft müssen sie pausieren, um Geld für die Weiterreise zu verdienen."

Die Migranten rechnen also nicht mit dem Faktor Seenotrettung. Wie sieht es aber mit den Schleppern aus? "Die Entscheidung, wann ein Boot rausgeht, treffen die Schlepper. Sie haben keinerlei Skrupel und nehmen keine Rücksicht, ob jemand gerettet wird oder nicht", berichtet Migrationsforscher Marcus Engler.

Die Schlepper reagieren schnell und passen sich den Bedingungen im Mittelmeer an. Setzten sie früher große Holzboote ein, sind es heute nur noch kleine Schlauchboote. Sie wollen mehr Menschen mit möglichst geringem Aufwand aufs Wasser bringen. Der Profit zählt. In Libyen sind Schlepper und Milizen eng verzahnt. Sie arbeiten sowohl in der Seenotrettung als auch als Menschenschmuggler. "Das ist ein attraktiver Markt für die Milizen", sagt Oltmer.

Dass die Zahl der Mittelmeerüberquerungen so niedrig ist, wundert ihn nicht. "Die EU und Einzelstaaten haben mit west-, ost- und nordafrikanischen Staaten viele Verträge geschlossen, die Grenzen besser zu sichern", erklärt Oltmer. "Die Wege nach Europa sind blockiert."