London. (leg) Dominic Cummings war zumindest bis vor kurzem noch ein Mann, der eher im Verborgenen wirkte. Ein Mann des Hintergrunds, ein Berater eben - obwohl mit scharfer Zunge ausgestattet: So nannte er den früheren britischen Brexit-Minister David Davis, der ihm, einem Hardliner, zu nachgiebig war, einmal "dumm wie Brot und faul wie eine Kröte".

Dennoch hätten sich wohl nur wenige vorstellen können, dass dieser Cummings, als Politikberater ein Mann der zweiten Reihe, einmal im Zentrum eines Fernsehdramas stehen würde. Die Rolle des TV-Helden ist schließlich für gewöhnlich für Persönlichkeiten aus der ersten Reihe reserviert. Für Staatschefs oder Revolutionäre. Dennoch drehte sich das BBC-Drama "Brexit - the uncivil war", das Anfang des Jahres ausgestrahlt wurde, in erster Linie um die Person Cummings. Kein Geringerer als Sherlock-Holmes-Darsteller Benedict Cumberbatch spielte die Rolle des einflussreichen Politikberaters. Dass Cummings in diese Liga vorgedrungen ist, mag auch daran liegen, dass ihm selbst etwas Revolutionäres anhaftet. Der 47-Jährige wird von vielen als das Hirn der Brexit-Kampagne angesehen. Der eingängige Slogan "Take back control" - auf Deutsch: Übernimm wieder die Kontrolle - stammt von ihm. Wie auch das Versprechen, das Geld, das Großbritannien an die EU überweisen müsse, stattdessen ins britische Gesundheitssystem zu investieren.

Beide Slogans erwiesen sich, wie auch Cummings Gegner anerkennen mussten, als überaus wirkungsvoll. Der Erfolg der Leave-Kampagne, die auf die Breitenwirkung der Online-Netzwerke setzte, festigte Cummings Ruf als kreativer politischer Kopf, der zwischen Genie und Wahnsinn oszilliert. Dass der neue britische Premierminister Boris Johnson nun ausgerechnet den Brexit-Hardliner zu seinem Chefberater gemacht hat, sorgte für Aufsehen. Denn nicht nur Johnson, auch Cummings verfügt über ein scharf umrissenes Persönlichkeitsprofil. Im TV-Drama der BBC wird er als eine Art genialer Einzelgänger porträtiert, der auf Regeln wenig Wert legt.

Tatsächlich gilt der Mann aus Durham im Nordosten Englands, der lange für Ex-Bildungsminister Michael Gove gearbeitet hat und aus einer Mittelklassefamilie stammt, als im Umgang nicht immer einfach. Ex-Premier David Cameron bezeichnete ihn einmal als "Karrierepsychopathen". Politikern und Beamten gegenüber streicht Cummings gerne seine Überlegenheit heraus, sich diplomatisch auf die Zunge zu beißen, ist nicht seine Art. Mitstreitern aus dem Pro-Brexit-Lager, denen sein Führungsstil zu ungewöhnlich war und die ihn deshalb feuern wollten, schleuderte er entgegen, die Herren seien "zu sehr damit beschäftigt, auf Jagdpartien zu gehen, skizufahren oder Mädchen nachzulaufen, um wirkliche Arbeit tun zu können". Cummings polarisiert deshalb auch im Lager der Konservativen.

Zweites Referendum?

Dass sich Cummings im Vorjahr weigerte, vor einem Ausschuss zu erscheinen, in dem es um eventuelle Falschmeldungen im Zuge der Brexit-Kampagne ging, wurde von vielen kritisiert. Seine Berufung zu Johnsons Chefberater, munkeln manche, könne auf ein zweites Brexit-Referendum oder auf einen baldigen Wahlkampf hindeuten. Denn eines kann Cummings mit Sicherheit sehr gut: wahlkämpfen.