Staniza Luhanska. "Luhansk ist Ukraine" steht auf einem Banner über der Straße, die durch das östlichste Gebiet des Landes führt, durch den Oblast Luhansk, wo die Felder in dieser Jahreszeit gelb vor lauter Sonnenblumen leuchten. Ausgebeulte Ladas holpern über die Schlaglöcher und werden von den Geländewagen der Hilfsarbeiter überholt, die immer weiter Richtung Osten fahren, mehrere Kontrollposten mit ukrainischen Polizisten und Beamten der Nationalgarde hinter sich lassen, bis sie am Rande des Dorfes Staniza Luhanska stehen bleiben.

Auf einer Verkehrsinsel steht in blau-gelben Buchstaben "Ukraine" geschrieben. Dahinter liegt ein Parkplatz, wo Honig, Obst und Eiscreme verkauft werden. Zapfsäulen erinnern an die Tankstelle, die es hier gab, bevor dieser Ort zur Grenze wurde mit einem Minenfeld nebenan. Hier befindet sich der einzige Übergang zwischen dem ukrainischen Oblast Luhansk und der abgespaltenen Volksrepublik Luhansk, die von prorussischen Separatisten kontrolliert wird.

Eine halb zerstörte Brücke verbindet die beiden Gebiete. Sie wurde im Jänner 2015 vermutlich durch Sprengstoff beschädigt. Seither klettern die Menschen über provisorische Treppen und Holzstützen, die im Winter nass und rutschig sind, egal ob mit Gehstock oder im Rollstuhl. Autos kommen keine durch. "Jeder, der einen gültigen Pass eines anerkannten Landes und eine Erlaubnis des Sicherheitsservices hat, kann die Brücke passieren", sagt Ihor Schewtschuk, 41 Jahre alt und Oberst beim staatlichen Grenzschutzdienst, als er an der Schlange vorbeimarschiert, in der ältere Frauen und Männer darauf warten, dass ihre Papiere kontrolliert werden. Ein Gehweg führt von der Passkontrolle weg, an einigen zerstörten Häusern aus dem Jahr 2014 vorbei und bis an den äußersten Rand des kontrollierten ukrainischen Staatsgebietes. Zwei Beamte sitzen in einem schattigen Zelt, dessen Wände aus Lamellenvorhängen bestehen, solche, wie man sie auch in einem Kühlhaus findet. Ein Stempel liegt vor ihnen auf dem Tisch, daneben döst ein Schäferhund. Mehr als 10.000 Menschen passieren diesen Ort jeden Tag. "Weiter können wir nicht gehen", sagt Schewtschuk. Hinter einem Zelt des Roten Kreuzes beginnt die sogenannte Grauzone, in der kein Soldat und keine Waffe erlaubt sind. "Dort hinten sieht man noch die ukrainischen Flaggen", sagt er und erzählt, dass sich die Truppen und die schweren Waffen von dort zurückgezogen haben.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

13.000 Tote laut UNO

Dieser Prozess, der hier am 26. Juni begonnen hat, schürt Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts, der seit fünf Jahren andauert und zu einer Art von Stellungskrieg geworden ist. Laut den Vereinten Nationen sind seit Kriegsbeginn mindestens 13.000 Menschen umgekommen. "Zum ersten Mal seit fünf Jahren tut sich etwas", sagt Jewgeni Maznew. Seit eineinhalb Jahren arbeitet er in Staniza Luhanska für die Organisation Norwegian Refugee Council und hilft Menschen, die vertrieben wurden. "Das hier ist der erste Ort, an dem ein Rückzug ohne Verstöße erfolgt."