Belfast. (czar/dpa/reu) Es war eine schwierige Charmeoffensive. Kaum hatte der britische Premierminister Boris Johnson London verlassen, um in anderen Landesteilen für seinen Brexit-Kurs zu werben, bekam er schon Gegenwind zu spüren. In Schottland, Wales, Nordirland hörte er teils scharfe Kritik an seiner Ankündigung, dass Großbritannien Ende Oktober "ohne Wenn und Aber" aus der EU austreten werde. Der Zusammenhalt des Königreichs, den Johnson immer wieder beschwor, wird für ihn so zur Herausforderung.

In Edinburgh nämlich lässt die Aussicht auf einen harten Brexit ohne Abkommen die Rufe nach einem Referendum zur Unabhängigkeit Schottlands lauter werden. In Wales, wo die Mehrheit der Bauern stark auf EU-Förderungen angewiesen ist, warnte der Nationale Agrarverband vor einer Katastrophe im Falle eines "No Deal". Und Nordirland steht überhaupt für eine der größten Hürden im Brexit-Streit.

Denn die Grenzfrage wurde zu einem Knackpunkt in den Verhandlungen zwischen London und Brüssel. Wie lässt sich eine Grenze mit Pass- und Warenkontrollen zwischen dem EU-Mitglied Irland und der britischen Provinz Nordirland vermeiden? Die Antwort im Austrittsvertrag war der sogenannte Backstop, eine Garantieklausel für die irische Insel. Johnson lehnt das aber ab, weil er gegen eine Anbindung Großbritanniens an die EU durch die Zollunion ist. Schottland und Nordirland hingegen wäre das durchaus recht - und mehr als das: Beim Brexit-Votum 2016 hatte sich eine Mehrheit der Bevölkerung dort überhaupt für einen Verbleib in der EU ausgesprochen.

Irische Wiedervereinigung

So musste sich der Premier wie in Edinburgh wenige Tage zuvor auch in Belfast am Mittwoch der Kritik von Demonstranten und Politikern stellen. Ein No Deal wäre ein Desaster für Wirtschaft, Gesellschaft und den Friedensprozess, meinte etwa die Vorsitzende der republikanischen Partei Sinn Fein, Mary Lou McDonald. Sie brachte auch eine Alternative zur Sprache: die Wiedervereinigung mit Irland. "Der Weg zurück in die EU ist für den Norden ganz klar - die irische Wiedervereinigung."

Der Brexit und das Fehlen einer Regionalregierung seit 2,5 Jahren könnten in Nordirland wieder Unruhen entfachen. Mehr als 3600 Menschen kamen im Nordirland-Konflikt von 1968 bis 1994 ums Leben. Damals kämpften pro-irische Katholiken unter Führung der Untergrundorganisation IRA gegen protestantische, pro-britische Loyalisten. Im Kern ging es darum, ob der zu Großbritannien gehörige Nordteil Irlands wieder mit der Republik im Süden vereinigt werden soll.

Später - und bis Jänner 2017 - haben die beiden größten Parteien aus dem katholischen und protestantischen Lager, Sinn Fein und DUP (Democratic Unionist Party), die Regionalregierung gebildet. So sieht es das Karfreitagsabkommen von 1998 vor. Doch die Koalition scheiterte an einem Streit um ein aus dem Ruder gelaufenes Förderprogramm für erneuerbare Energien.

Die DUP stützt außerdem die britische Minderheitsregierung der Konservativen in London. Aus ihren Reihen bekam Johnson bei einem Abendessen am Dienstagabend den Vorwurf zu hören, nicht objektiv zu sein.

Abkommen auf dem Tisch

Anschuldigungen gab es ebenfalls an die Adresse der EU. DUP-Vorsitzende Arlene Foster berichtete dem Sender BBC, dass sie und Johnson bei dem Abendessen über den Brexit gesprochen hätten. Beide wünschten sich einen EU-Austritt mit Abkommen, aber "ein No Deal ist auf dem Tisch, weil wir eine sehr streitlustige EU haben".

Der britische Premier ist der Ansicht, dass es nun an der Gemeinschaft liege, den nächsten Schritt zu setzen. Daran ändert auch nichts, dass EU-Politiker nicht müde werden zu betonen, dass das Austrittsabkommen nicht geändert werde. Zuletzt machte dies der irische Ministerpräsident Leo Varadkar deutlich. Klargemacht wurde dies wohl auch dem neuen britischen Brexit-Chefunterhändler David Frost, der am Mittwoch zu Gesprächen mit Vertretern der EU-Kommission nach Brüssel reiste.

Die Brexit-Unsicherheit wirkt sich unterdessen negativ auf die Wirtschaft aus. So sackte die Autoproduktion in Großbritannien weiter kräftig ab. Auch hat die britische Automobilindustrie ihre Investitionen mittlerweile deutlich zusammengestrichen - um mehr als zwei Drittel.