London. Das Timing hätte besser kaum besser sein. Rechtzeitig vor einer für die Tories wichtigen Nachwahl in Wales hat die Regierung in London den Briten mehr Geld für einen ungeregelten Brexit versprochen, sollte es am Stichtag 31. Oktober tatsächlich zu einem "No Deal" kommen - wonach es derzeit aussieht. 2,1 Milliarden Pfund (2,3 Milliarden Euro) würden zusätzlich bereit gestellt, um das Land auf ein solches Szenario vorzubereiten, kündigte Finanzminister Sajid Javid an. Die finanziellen Mittel für das laufende Haushaltsjahr werden damit verdoppelt.

Ob das die 8000 - traditionell liberal wählenden - Stimmberechtigten des walisischen Wahlkreises Brecon und Radnorshire dazu bewogen hat, am Donnerstag mehrheitlich doch noch für den Tory-Kandidaten Chris Davies zu stimmen, blieb zunächst offen. Das Abstimmungsergebnis wurde erst für Freitagfrüh erwartet. Laut Umfragen vor Londons angekündigter Aufstockung der Finanzmittel für den EU-Austritt drohte den Konservativen bei der Nachwahl zum Unterhaus der Verlust eines ihrer Parlamentssitze.

Für Regierungschef Boris Johnson war es der erste Stimmungstest, seit er am 24. Juli den Posten von Theresa May übernommen hat. Für ihn steht bei der Abstimmung politisch viel auf dem Spiel. Sollten die Tories die Nachwahl verlieren, würde sich die Regierungsmehrheit im Unterhaus auf einen Sitz reduzieren. Dies dürfte es Johnson zusätzlich erschweren, sein Versprechen umzusetzen, den Brexit bis zum 31. Oktober und notfalls auch ohne Abkommen mit der EU abzuwickeln. Auch die Chancen der Opposition, die Regierung per Misstrauensantrag zu stürzen und Neuwahlen zu erzwingen, würden wachsen.

Politikwissenschafterin Melanie Sully glaubt nicht, dass ein harter Brexit rechtzeitig verhindert werden könnte. Selbst wenn ihn das Unterhaus gleich nach dem Ende der Parlamentsferien Anfang September mit einem Misstrauensantrag stürzen sollte, könnte sich Johnson über das Austrittsdatum retten. Er habe nämlich Spielraum beim Wahltermin, den er auf den 31. Oktober legen könnte. Das Wahlergebnis läge dann erst am 1. November vor, nach dem Vollzug des Brexit, so Sully.

Davies kandidiert erneut

Notwendig wurde die Nachwahl, weil der konservative Abgeordnete Chris Davies sein Mandat aufgeben musste. Die Bürger in Brecon hatten ihn nach seiner Verurteilung wegen falscher Spesenabrechnung per Petition für abgesetzt erklärt und damit eine Neuabstimmung erzwungen. Dieses Instrumentarium steht Bürgern in Großbritannien seit 2015 unter bestimmten Voraussetzungen zur Verfügung. Damit ein - straffällig gewordener - Abgeordneter seinen Sitz verliert, müssen mindestens 10 Prozent der Wahlberechtigten in einem Wahlkreis unterschreiben. Für Davies Mandatsverlust stimmten 20 Prozent.