Sprachrohr fehlt

Dieses Image hat sich nicht geändert, Macrons Beliebtheit kaum verbessert, auch wenn seine bisher schwerste politische Krise vorerst überwunden scheint. Die heutige Schwäche der "Gelbwesten" erklärt sich zum einen daraus, dass sie Probleme aufzeigten und benannten, nicht aber deren Lösungen - was ja auch nicht die Aufgabe von Bürgern ist. Eine Führungsfigur fehlte, die ihre disparaten Anliegen unmissverständlich äußern und in konstruktivem Dialog mit der Regierung vertreten konnte.

Genau ein solches Sprachrohr hatte die Bewegung zugleich stets abgelehnt, die dezentral organisiert und in den sozialen Netzwerken entstanden war. Weil die meisten nicht Teil des verhassten "Systems" werden wollten, scheiterten die drei Listen von "Gelbwesten"-Vertretern, die bei der Europawahl kandidierten, krachend.

Zum zweiten ließ infolge der Gewalt am Rande der Demonstrationen die Unterstützung der öffentlichen Meinung mit der Zeit nach. Sie aber war maßgeblich für die enorme Aufmerksamkeit für die Bewegung, die sich zahlenmäßig stets in Grenzen hielt. Darüber hinaus nahm ihr Präsident Macron mit der Organisation von Bürgerdebatten, sozialen Zugeständnissen und einer Reihe von Vorschlägen den Wind aus den Segeln, auch wenn diese keineswegs eine politische Kehrtwende aufzeichneten, sondern vielmehr die Bestärkung des von ihm eingeschlagenen Weges.

Angesichts einer Mehrheit in der Nationalversammlung und der starken Machtposition, die die französische Verfassung dem Präsidenten einräumt, kann Macron diesen weitergehen. Zumindest von der Opposition, die er durch seine Positionierung in der politischen Mitte dezimiert hat, ist wenig Gegenwind zu erwarten.

Heikle Reformen stehen bevor

Und von den "Gelbwesten"? Deren Bewegung wurde so unvorhersehbar schnell zu einem gesellschaftlichen und medialen Phänomen, das weit über die Grenzen Frankreichs hinaus von sich reden machte, dass sich eine Prognose darüber verbietet, ob sie dauerhaft erledigt ist. Im Herbst stehen heikle Reformen wie jene der Arbeitslosen- und Rentenversicherung an, welche den Widerstand neu anzufachen drohen. Ruhe im Land dürfte erst einkehren, wenn Macron beweist, dass seine Politik die wirtschaftliche und soziale Lage entscheidend verbessert und die Chancengleichheit erhöht.