Barcelona. 50 Jahre, fast sein ganzes Leben, hat Augustin in Katalonien verbracht. Aber die Unabhängigkeitsbestrebungen kann er noch immer nicht ganz begreifen. Deshalb bezeichnet er sich selbst zynisch als "schlechten Katalanen". Augustin lebt in Lleida, einer Backsteinwüste in der Mittagshitze. Er trägt ein graues T-Shirt zu den grauen Haaren. Eine Sonnenbrille baumelt um seinen Hals. Mit braungebranntem Gesicht neigt sich der 58-Jährige von seinem Gabelstapler herunter und erklärt: "Es ist, als würde ich sagen: ‚Ich bin nicht aus Deutschland, ich bin aus Frankfurt.‘"

Lleida liegt im Westen Kataloniens, etwa 20 Kilometer von Aragonien - also Spanien - entfernt. Die Häuser haben vier bis fünf Stockwerke und beschatten die schmalen Gassen, in denen die Menschen bis 14 Uhr und nach 18 Uhr ihren Erledigungen nachgehen. Zwischen diesen Uhrzeiten herrscht Stille. Schwarze Männer sitzen in Hauseingängen und warten darauf, als Erntehelfer zu arbeiten. Ein russisches Ehepaar setzt sich auf die Terrasse eines Cafés, eine Rumänin mit kinnlangen blonden Haaren sitzt auf einer Bank, hört Musik und isst ein Eis. "Wenn Katalonien unabhängig wird, gehen wir hier weg", sagt sie. "Die Leute hier sind so stur in ihrer Meinung, da gibt es keine Kompromisse, das kann auf Dauer nur schlecht sein", begründet das die 41-Jährige, die seit 16 Jahren hier lebt.

Die gelben Schleifen stehen für die Forderung nach Freiheit für die inhaftierten Separatisten. - © Häußermann
Die gelben Schleifen stehen für die Forderung nach Freiheit für die inhaftierten Separatisten. - © Häußermann

In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Diskussion um eine Abspaltung der autonomen Region im Nordosten der Iberischen Halbinsel immer weiter aufgeschaukelt, seit die Regionalregierung unter dem früheren Präsidenten Carles Puigdemont im Oktober 2017 ein Unabhängigkeitsreferendum abhielt, das mit der spanischen Verfassung nicht vereinbar war. Puigdemont ist nun im Exil in Belgien, andere Ex-Regierungsmitglieder warten in Haft auf ihre Urteile. "Libertat Presos Politics" ("Freiheit den politischen Gefangenen"), steht auf Bannern überall in Katalonien. Das Thema Unabhängigkeit begleitet den Alltag der Menschen, die hier leben.

Es scheint, als sei der Graben zwischen jenen, die eine Abspaltung fordern, und jenen, die Spanier bleiben wollen, unüberbrückbar geworden. Und in der Mitte finden sich viele wieder, die nicht recht wissen, wohin. Ausländer und Leute aus anderen Regionen Spaniens, die hier leben, aber auch Katalanen, die ein Teil Spaniens bleiben wollen, wie der 35-jährige Alberto. Er hätte gern mehr Autonomie, aber keine Unabhängigkeit; ein föderaleres System, in dem die Regionen mehr selbst bestimmen können und sich nicht immer alles um die Hauptstadt dreht. Die Katalanen stören sich an der Infrastruktur in Spanien, beispielsweise daran, dass jeder Schnellzug über Madrid fährt. Und sie wollen, dass die Beamten, die den Staat in der Region Katalonien vertreten, auch Katalanisch sprechen müssen.