Chemnitz/Dresden/Plauen. Wer Daniel H.s gedenken möchte, läuft Gefahr, über den ihm gewidmeten Stein zu trampeln. "Komm in drei Stunden wieder, dann ist er geputzt und du kannst ein schöneres Bild machen", sagt ein Mann, der plötzlich auftaucht und sich als Freund von Daniels Ex-Frau vorstellt. Ein rechteckiges Schild erinnert an den Verstorbenen, eingelassen zwischen den Betonplatten am Gehsteig. Name, Friedenszeichen und Sterbedatum, mehr ist nicht eingraviert. Daniel H. kam am 26. August vergangenen Jahres an dieser Stelle nahe dem Zentrum im sächsischen Chemnitz ums Leben. Er wurde nach einem Streit mit Asylwerbern erstochen.

Weniger der Tod des 35-Jährigen dominierte die Schlagzeilen, es waren die darauffolgenden Geschehnisse. Rechtsextreme riefen zu einem Trauermarsch auf. Der eskalierte, Teilnehmer zeigten den Hitlergruß. Der oberste Verfassungsschützer Deutschlands, Hans-Georg Maaßen, widersprach Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass es Hetzjagden auf Ausländer gegeben habe. Und bei einer weiteren Kundgebung übte die laut deutschem Verfassungsschutz rechtsextremistische Gruppe "Pro Chemnitz" den Schulterschluss mit der Pegida-Bewegung und der AfD. Da war es wieder, das Bild vom Osten der Bundesrepublik als "Dunkeldeutschland".

Eine Gedenktafel auf dem Gehsteig erinnert in Chemnitz an den 2018 ermordeten Daniel H. - © Alexander Dworzak
Eine Gedenktafel auf dem Gehsteig erinnert in Chemnitz an den 2018 ermordeten Daniel H. - © Alexander Dworzak

Dieser Tage wird es abermals gezeichnet. Denn bei der Landtagswahl in Brandenburg am Sonntag könnte die AfD stärkste Kraft werden. In Sachsen wird ebenfalls am Wochenende gewählt, dort liegen die Nationalpopulisten bei 25 Prozent, nur hinter der CDU. Für die Christdemokraten stellt sich in Sachsen noch drastischer als im Bund die Frage, wie sie Wähler von der AfD zurückgewinnen kann.

Rechtsextremismus gilt nun als größtes Problem

Dabei ist der Freistaat schwarze Erbpacht gewesen. Seit der Wiedervereinigung 1990 stellt die CDU den Ministerpräsidenten. Eine Wagenburg-Mentalität schlich sich ein, sie fand ihren Höhepunkt unter dem Ende 2017 abgetretenen Regierungschef Stanislaw Tillich. Dessen Nachfolger Michael Kretschmer tourt hingegen seit Amtsantritt durch das 4,1-Millionen-Land. Der 44-Jährige brach auch mit der Verharmlosung von Rechtsaußen durch die CDU. "Der Sachse ist immun gegen Rechtsradikalismus", lautete das Diktum des ersten Nach-Wende-Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf. "Rechtsextremismus ist unser größtes Problem", sagt Kretschmer nun. Der Verfassungsschutz zählt dort 2800 Rechtsextremisten. Bei entsprechenden Gewalttaten liegt Sachsen deutschlandweit an zweiter Stelle.