Warschau/Wien. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei der zentralen Gedenkfeier zum Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren in Warschau an die historischen Verbrechen Deutschlands erinnert. "Ich stehe hier in Demut und in Dankbarkeit", sagte Steinmeier am Sonntag auf dem Pilsudski-Platz im Zentrum der polnischen Hauptstadt. "Ich verneige mich in Trauer vor dem Leid der Opfer. Ich bitte um Vergebung für Deutschlands historische Schuld. Ich bekenne mich zu unserer bleibenden Verantwortung."

Der polnische Präsident Andrzej Duda empfing auf dem Pilsudski-Platz Staatsgäste aus mehr als 30 Ländern, unter ihnen auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Vizepräsident Mike Pence. Duda  appellierte an die internationale Gemeinschaft, entschieden gegen militärische Aggressionen vorzugehen. Den deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 hätte es möglicherweise nicht gegeben, wenn sich die Westmächte dem "Anschluss" Österreichs entgegengestellt und scharf gegen die Verfolgung von Juden in Deutschland protestiert hätten, meinte der polnische Präsident bei der Gedenkveranstaltung. "Das ist eine große Lektion für uns. Man kann und darf nicht zur Tagesordnung übergehen bei solchem Vorgehen. Es muss Sanktionen geben, es muss entschiedene Schritte geben, es muss klar sein, dass jede militärische Aggression auf eine machtvolle Antwort stößt", sagte er. Es sei kein Rezept zur Bewahrung des Friedens, die Augen zu verschließen. Dies würde Aggressoren nur noch bestärken und den Weg zur nächsten Attacke ebnen.

Imperialistische Tendenzen in Europa gebe es auch heute, so Duda in Anspielung auf Russland. "2008 Georgien, 2014 Ukraine, bis heute Grenzverschiebung, Okkupation, Kriegsgefangene und militärische Provokationen."

Nationalratspräsident Sobotka bei WeltkriegsgedenkenÖsterreich war durch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) vertreten. "Das Gedenken auf höchster politischer Ebene in der polnischen Hauptstadt am historischen Tag des Kriegsbeginns ist ein wichtiges Zeichen unseres gemeinsamen Bekenntnisses zu Demokratie, Freiheit und Frieden in Europa und darüber hinaus", sagte Sobotka laut Aussendung bei der Kranzniederlegung am Pilsudski-Platz. Während seines Aufenthalts traf der Nationalratspräsident auch mit polnischen KZ-Überlebenden zusammen, die in den Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen gefangen waren.

Verantwortung vorausdenken

"Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ist untrennbar verbunden mit der Erinnerung an den Terror der Nationalsozialisten und die Shoah. Gedenken heißt für mich zuallererst, den Überlebenden zuzuhören, die von dem Leid berichten, das ihnen angetan wurde", unterstrich Sobotka. Daraus entstehe die Verantwortung vorauszudenken, Schlüsse für die Zukunft zu ziehen, und Extremismus in all seinen Formen zu bekämpfen. "Bildung ist der wesentliche Schlüssel, um das Andenken an die Opfer der NS-Zeit für immer in unserem kollektiven Gedächtnis zu verankern."

Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 markierte den Beginn des Zweiten Weltkriegs. "Meine Landsleute entfesselten einen grausamen Krieg, der mehr als fünfzig Millionen Menschenleben kosten sollte, unter ihnen Millionen polnische Bürgerinnen und Bürger", sagte Steinmeier. "Dieser Krieg war ein deutsches Verbrechen."

"Wir werden niemals vergessen" 

Die Vergangenheit sei nicht abgeschlossen: "Wir vergessen die Wunden nicht, die Deutsche Polen zugefügt haben", betonte Steinmeier und fügte auf Polnisch hinzu: "Wir werden niemals vergessen." Steinmeier verwies in seiner Rede auch auf die Aussöhnung der beiden Nachbarländer: "Dass auf diesem Platz, an diesem Tag ein deutscher Präsident vor Ihnen stehen und sprechen darf - das zeigt das lebendige Wunder der Versöhnung." Diese Versöhnung sei eine Gnade, "die wir Deutschen nicht verlangen konnten, aber der wir gerecht werden wollen".

US-Präsident Donald Trump hatte seine Teilnahme an der Gedenkfeier in Warschau wegen des Hurrikans "Dorian" kurzfristig abgesagt und schickte seinen Stellvertreter Pence nach Warschau. Auch der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj zählte zu den Gästen der Zeremonie. Der russische Präsident Wladimir Putin hingegen wurde zum Ärger Moskaus nicht eingeladen. (apa, dpa)