Die AfD ist im Osten
kein Übergangsphänomen

Die AfD trifft aber auch den ostdeutschen Nerv, wenn es um das Gefühl der Vernachlässigung geht. Es ist weitverbreitet, zwei Drittel aller befragten Sachsen und knapp 60 Prozent der Brandenburger halten sich für Bürger zweiter Klasse. Gleich 78 Prozent der sächsischen und 77 Prozent der brandenburgischen AfD-Wähler schließen sich dieser Meinung an. Und wie bei den Zukunftssorgen fühlen sich Sympathisanten der Linkspartei am zweithäufigsten zweitklassig behandelt.

Die Landtagswahlen zeigen aber auch, dass die AfD kein Übergangsphänomen ist, sondern bereits tief vor Ort verwurzelt ist. Bei den Erststimmen, mit denen die Wähler die Direktmandate vergeben, gewann sie in Brandenburg 15 der 44 Wahlkreise. Im Westen des Bundeslandes dominiert die SPD, die AfD hat fast alle Wahlkreise an der deutsch-polnischen Grenze für sich entschieden. Darunter auch den Wahlkreis Frankfurt/Oder, der 2014 an die Linkspartei ging.

Noch dramatischer ist die Entwicklung für die CDU in ihrer einstigen Hochburg Sachsen. Vor fünf Jahren gingen 59 der 60 Wahlkreise an die Konservativen. Nun sind es 41, die AfD errang auch hier 15 Mandate. Erstmals konnten sich die Grünen zwei Wahlkreise sichern. Wie im Bund kämpft CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer also nicht nur gegen Rechts, sondern muss das Abwandern bürgerlich-liberaler Wähler eindämmen.

Kretschmer hatte die Öko-Partei im Wahlkampf mehrfach kritisiert, nun wird er mit ihr zusammenarbeiten müssen. Da der bisherige Koalitionspartner SPD abgestürzt ist und die CDU nicht mit AfD und Linkspartei koaliert, bleibt dem Ministerpräsidenten nur Schwarz-Rot-Grün. Eine solche "Kenia-Koalition" oder Rot-Rot-Grün kommen in Brandenburg rechnerisch infrage.

Der Nordwesten als
weißer Fleck der Blauen

In Sachsen hat Kretschmer die rigorose Abschiebung abgelehnter Asylwerber betrieben. Konservative fürchen, die Grünen könnten als Koalitionspartner einen Kurswechsel fordern. Die "Werte-Union" von CDU/CSU warnt bereits vor den "linksradikalen Grünen" und will eine Minderheitsregierung.

Die AfD bietet sich derweil als Koalitionspartner an und will so groß werden, bis man rechnerisch nicht mehr an ihr vorbeikommt. Das Gegenstück zum Osten bildet dabei Deutschlands Nordwesten. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein lag die AfD bei Landtagswahlen deutlich unter jenen 12,6 Prozent bei der Bundestagswahl 2017. Dort schaffte sie es nicht, mit Asyl, Migration und Integration die Debatte zu prägen. Erfolge der AfD passieren also nicht zwangsläufig. Aber wenn sie im bevölkerungsstarken Westen reüssiert, steht Deutschlands Parteienlandschaft kopf.