London. Es läuft nicht ganz so, wie sich das Boris Johnson zu Beginn des Sommer vorgestellt hatte. Statt sich einschüchtern zu lassen, bieten ihm moderate Politiker aus dem konservativen Lager in Sachen Brexit unerschrocken die Stirn.

Nicht einmal die Bereitschaft des Briten-Premiers, seine Kritiker schlichtweg aus der Partei zu werfen, hat diese abschrecken können. Seine Entscheidung, den harten Mann zu markieren, hat den Regierungschef nun endgültig seine Unterhaus-Mehrheit gekostet. Sie schafft erhebliche Unruhe in der Partei.

Zugleich erwägt die Labour-Opposition, Johnson vorübergehend den Weg zu Neuwahlen zu verstellen. Erwartet hatte der Premierminister das offenbar nicht. Andererseits droht sich das gesamte Parlament in Prozeduren und Kleinkämpfen zu verlieren. In der Nacht verloren auch Experten im Westminster-Chaos zeitweise den Überblick.

Volksfeststimmung vor dem britischen Parlament: Aktivisten demonstrieren gegen Premier Johnson und den Brexit. - © APAweb / afp, Isabel Infantes
Volksfeststimmung vor dem britischen Parlament: Aktivisten demonstrieren gegen Premier Johnson und den Brexit. - © APAweb / afp, Isabel Infantes

Rauswurf per SMS

Am Mittwoch konnten viele Konservative noch immer nicht glauben, dass Johnson 21 rebellischen Unterhaus-Abgeordneten nachts zuvor tatsächlich die Tür gewiesen hatte. Einer der Rebellen, der frühere Entwicklungshilfe-Minister Rory Stewart, berichtete fast schon belustigt, man habe ihn über seinen Hinauswurf mit einer SMS, mit einem knappen Text informiert.

"Es war ein echt erstaunlicher Moment", meinte Stewart, der vor kurzem noch gegen Johnson für den Parteivorsitz kandidiert hatte. "Es kam einem ein bisschen vor wie etwas, was man eher mit anderen Ländern verbindet. Man nimmt Stellung gegen die Führung, verliert im Führungsstreit, ist plötzlich nicht länger im Kabinett und dann auch gleich aus der Partei geflogen. Und hernach wird man seinen Parlamentssitz los."

Dass zu den geschassten Tories hoch angesehene Ex-Minister und konservative Veteranen gehörten, wie etwa die beiden ehemaligen Schatzkanzler (Finanzminister) Ken Clarke und Philip Hammond oder der Tory-Grande und Churchill-Enkel Sir Nicholas Soames, verstärkte das spürbare Unbehagen auch bei ansonsten zurückhaltenden Konservativen.

"Was ist nur aus unserer Partei geworden?" fragten ratlos Politiker wie der frühere Verteidigungs-Staatssekretär Tobias Ellwood. "Wir waren mal eine Partei der rechten Mitte, eine Partei der Einheit, eine offene Partei." Immerhin hätten jede Menge Tories gegen Theresa Mays Regierung rebelliert, ohne je mit Parteiausschluss bestraft zu werden. Und einer jener Rebellen war bekanntermaßen Boris Johnson selbst.