London. (rs) Ein Tag, an dem alles nach Wunsch verläuft, war für Boris Johnson wohl auch der Donnerstag nicht. So sah sich der britische Premier, der bereits in der vergangenen Woche eine Reihe empfindlicher Niederlagen einstecken musste, nicht nur dazu genötigt, öffentlich zu beteuern, dass er die Queen über die Hintergründe der Zwangspause des Parlaments nicht belogen hatte. Nach dem Bekanntwerden eines regierungsinternen Brexit-Szenarios, in dem von Versorgungsengpässen und Unruhen die Rede ist, musste Johnson auch noch ausrücken, um die Annahmen und Planungen seiner Regierung hinsichtlich eines harten Brexit verteidigen. Das Dokument, das den Namen "Operation Yellowhammer" trägt, sei lediglich eine Prognose für den schlimmstmöglichen Fall, sagte Johnson, der sein Land bis zum 31. Oktober auch ohne Abkommen aus der EU führen möchte, am Donnerstag. Er gehe aber davon aus, dass es nicht so kommen werde und die Wirtschaft vorbereitet sei.

In dem knapp fünf Seiten umfassenden Regierungsbericht, der bereits Anfang August teilweise durchgesickert war und nun von der Regierung auf Druck der Abgeordneten veröffentlicht wurde, ist unter anderem davon die Rede, dass bei einem ungeregelten Brexit mit massiven Problemen bei der Einfuhr von Medikamenten und frischen Waren gerechnet werden muss. Störungen seien dabei vor allem auf den Handelsrouten über den Ärmelkanal möglich. So könnten Lkw, die nach Großbritannien wollen, zunächst bis zu zweieinhalb Tage am Kanal warten müssen.

Falls es tatsächlich so kommt, könnte sich laut der britischen Regierung eine ganz Spirale an nur schwer kontrollierbaren Ereignissen in Gang setzen. "Es gibt ein Risiko von Panikkäufen, die Versorgungsengpässe noch verschärfen können", heißt es in dem Bericht. Auch groß angelegte Proteste von Brexit-Befürwortern und -Gegnern seien möglich. Dies könnte eine "erhebliche Menge" der Polizeikräfte in Anspruch nehmen.

Dass die britische Wirtschaft, so wie es Johnson hofft, bis zum 31. Oktober hinreichend vorbereitet ist, ist allerdings fraglich. So hat die genossenschaftlich organisierte Supermarktkette Co-Op am Donnerstag ebenfalls eindringlich vor Engpässen gewarnt. Denn laut Co-Op-Chef Steve Murrel wurden zwar zusätzliche Lagerkapazitäten aufgebaut, um die Versorgung mit Wasser, Toilettenpapier und Fertiglebensmitteln zu garantieren. Frisches Obst und Gemüse könnten aber nicht einfach auf Vorrat gekauft werden. Britische Einzelhändler müssten daher also Obst und Gemüse verstärkt per Flugzeug und mitunter auch aus weit entfernten Ländern importieren, wodurch diese Produkte im Falle eines harten Brexit spürbar teurer werden dürften.

Warten auf die Gerichte

Aus Sicht der oppositionellen Labour-Partei ist das Dokument jedenfalls der Beweis, dass der Brexit ohne Abkommen mit zu hohen Risiken einhergeht. Die von Johnson am Montag in die Zwangspause geschickten Abgeordneten müssten ins Parlament zurückkehren können, um den Bericht zu prüfen und einen No-Deal-Brexit zu verhindern. "Sie sollten uns zurückrufen, damit wir unsere Arbeit machen können", sagte der Labour-Abgeordnete Hilary Benn dem britischen Sender Sky News.

Trotz eines Urteils des höchsten schottischen Berufungsgerichts, das die Zwangspause als rechtswidrig ansieht, wird sich in der Sache allerdings nicht so schnell etwas tun. So hat die Regierung bereits angekündigt, beim obersten britischen Gericht, dem Supreme Court, Berufung gegen das schottische Urteil einzulegen. Dort soll am Dienstag kommender Woche über die Angelegenheit verhandelt werden.