Johnson will bleiben

Die Opposition lag sich nach der Urteilsverkündung vor dem Gerichtsgebäude in den Armen. Abgeordnete der schottischen SNP sprachen mit Freudentränen in den Augen von einem großen Tag für die britische Demokratie und forderten Johnsons Rücktritt. "Die Konsequenz aus einem solchen Urteil wäre, dass der Premier zurücktritt", sagt auch Murkens. Doch das hat Johnson bereits ausgeschlossen. Für ihn gilt es nun, sich einen neuen Plan zurechtzulegen. Die Strategie, die er gemeinsam mit seinem Chefberater Dominic Cummings verfolgt hat, nämlich mit eiserner Hand zu regieren und mit jahrhundertealten politischen Konventionen zu brechen, ist nach hinten losgegangen. Bei Neuwahlen, die es wohl bald geben muss, könnte Johnson das durchaus schaden.

Das Urteil bedeutet aber nicht, dass der Premier das Parlament nicht noch einmal in die Zwangspause schicken kann - zumindest für ein paar Tage. In New York hat Johnson am Dienstag genau das angedeutet. "Er muss nur einen triftigen Grund nennen", sagt Murkens. Der Verfassungsjurist von der London School of Economics and Political Science weist gegenüber der "Wiener Zeitung" darauf hin, dass Johnson sich bisher selten vor dem Parlament verantwortet hat. Eigentlich muss sich der Premier einmal die Woche den Fragen der Abgeordneten stellen, doch Johnson hat das bisher nur zwei Mal getan. "Jetzt kann er sich nicht mehr drücken."

Bereits am Mittwoch sollen die Abgeordneten wieder zusammenkommen. Parlamentssprecher John Bercow kündigte an, dann auch wieder Eilanträge zuzulassen. Damit können die Parlamentarier die Agenda selbst bestimmen - und weitere Gesetzesvorlagen einbringen, wie sie das bereits mit dem Gesetz gegen einen EU-Austritt ohne Abkommen getan haben. Für Johnson bedeutet das nichts Gutes, im Unterhaus hat er seine Mehrheit verloren. Am Dienstag plädierte er abermals für Neuwahlen - was die Opposition bisher abgelehnt hat.

Eine Spinne namens Boris

Eine Antwort auf die Frage, ob der Premier die Queen, die die Zwangspause formell absegnen musste, belogen oder zumindest illegal für seine Zwecke eingespannt hat, haben die Richter elegant umschifft. In ihrer Verkündung betonte Hale, man habe ich nicht mit den Motiven Johnsons befasst. Dem Heldenstatus, den der Supreme Court mit seiner Vorsitzenden am Dienstag für viele Briten erreicht hat, tut das keinen Abbruch. Mancher Beobachter witterte in der Brosche der Gerichtsvorsitzenden - eine riesige, weiße Spinne - gar eine versteckte Botschaft. Mit etwas Fantasie kann das Accessoire als Anspielung auf einen Song von "The Who" interpretiert werden. Der Titel: "Boris The Spider".