Die Ankündigung machte klar, dass in Großbritannien bald Wahlkampf sein könnte - oder die Tories von Premier Boris Johnson zumindest damit rechnen. So hat im Zuge des Parteitags der Konservativen Finanzminister Sajid Javid ein Investitionspaket ankündigt, das Breitbandinternet soll ausgebaut und mehr in die Infrastruktur investiert werden.

Und Johnson selbst kündigte eine Finanzspritze in Höhe von 13 Milliarden Britischen Pfund (14,6 Milliarden Euro) für 40 Krankenhäuser an. Mit dem Geld werden über zehn Jahre neue Kliniken in England errichtet und alte saniert. Auch die Versorgung psychisch Kranker soll verbessert werden. Das nationale Gesundheitssystem ist marode und völlig überlastet - Johnson hatte bei seinem Werben für den Brexit versprochen, dass durch den EU-Austritt Millionen Pfund frei werden, die dann dem Gesundheitssystem zur Verfügung stünden.

Das Problem der Tories war nur: Diese Botschaft blieb fast ungehört. Denn überschattet wurde sie von neuen Vorwürfen gegen Johnson. Die "Sunday Times"-Kolumnistin Charlotte Edwardes bezichtigte den einstigen Zögling des Eliteinternats Eton, sie in seiner Zeit als Chefredakteur des konservativen "Spectator"-Magazins vor knapp 20 Jahren begrapscht zu haben. "Unter dem Tisch spüre ich Johnsons Hand auf meinem Schenkel. Er drückt ihn", schrieb Edwardes. Johnsons Hand habe ihr Bein weit oben berührt, er habe die Innenseite ihres Schenkels angefasst. Später habe sie erfahren, dass es einer anderen Frau an dem Tag genauso ergangen sei.

Johnson wies die Vorwürfe als "absolut unwahr" zurück. "Dann habe ich eindeutig eine bessere Erinnerung als er", konterte Edwards auf Twitter.

Und noch eine zweite Angelegenheit bringt Johnson in Bedrängnis: Als Bürgermeister von London, von 2008 bis 2016, soll er die amerikanische Geschäftsfrau Jennifer Arcuri Vorteile gewährt zu haben. Es geht dabei um Fördergelder und die Teilnahme an Reisen, von denen sie profitiert haben soll, obwohl sie nicht die erforderlichen Bedingungen erfüllte. Nach Angaben der "Sunday Times" hatten die beiden auch ein Verhältnis miteinander. Was noch viel schwerer wiegt: Sollten sich die Vorwürfe als wahr herausstellen, könnten sie strafrechtliche Konsequenzen haben. Auch in diesem Fall wies Johnson die Vorwürfe zurück.

Hardliner machen
noch einmal Dampf

Mit diesen Anschuldigungen hat sich für Johnson eine weitere Front eröffnet. Eine andere verläuft quer durch seine Partei. Johnson hat sich mit Brexit-Hardlinern umgeben und auch schon 21 Abgeordnete aus der Partei ausgeschlossen, die im Unterhaus zusammen mit der Opposition für ein Gesetz zur Verhinderung eines ungeregelten EU-Austritts ihres Landes gestimmt hatten.

Rund um den Parteitag, der am Sonntag begonnen hat und bis Mittwoch in Manchester läuft, hat die Parteispitze noch einmal Dampf gemacht. "Das britische Volk hat mehr als genug von EU-Politikern, die unsere Premierminister nicht respektieren", sagte Außenminister Dominic Raab bei seiner Rede.

Ein Brexit ohne Abkommen sei noch immer möglich, sagte Johnson wiederum in einem BBC-Interview. Er will unbedingt, wie derzeit vorgesehen, die EU am 31. Oktober verlassen. Allerdings hat das Parlament bereits ein Gesetz verabschiedet, das Johnson verpflichtet, in Brüssel um eine Verschiebung des Brexits anzusuchen, sollte er bis 19. Oktober keinen Austrittsvertrag mit Brüssel erreichen.

Aber auch die Kritiker von Johnson meldeten sich zu Wort. Ex-Finanzminister Philip Hammond kritisierte in einem Beitrag für die "Sunday Times", dass Johnson bei seinem harten Brexit-Kurs die Unterstützung von Spekulanten genieße: Diese hätten Milliarden auf einen No-Deal-Brexit gesetzt, um von dem erwarteten Währungsverfall zu profitieren. Zudem halten nicht nur Oppositionelle, sondern auch gemäßigte Konservative Johnson vor, mit seiner rüden Wortwahl das politische Klima im Land zu vergiften.