Prishtina/Wien. Es wäre in vielerlei Hinsicht eine ungewöhnliche Koalition. Denn es wären zwei bisherige Oppositionsparteien, die sie bilden – und mit einer davon wollten andere Gruppierungen lange Zeit nicht zusammenarbeiten. Nach der Parlamentswahl im Kosovo rückt ein Machtwechsel näher. Denn aus dem Urnengang gingen die nationalistische Vetevendosje (Selbstbestimmung, VV) und die konservative Demokratische Liga (LDK) als Sieger hervor, wobei die Gruppierung von Albin Kurti knapp 26 Prozent der Stimmen erhielt – einen Prozentpunkt mehr als die LDK.

Die drittplatzierte Mitte-rechts Partei PDK hingegen, die unter dem langjährigen Minister- und Staatspräsidenten Hashim Thaci in der vergangenen Dekade die Politik dominiert hat, geht in die Opposition. Ebenso wohl die – auch aus der Rebellenbewegung UCK hervorgegangene – Gruppierung AKK des bisherigen Premiers Ramush Haradinaj.

Kurti, der ehemalige Studentenführer, der wegen seiner radikalen Ansichten als möglicher Bündnispartner bisher für andere Parteivorsitzende kaum in Frage kam, könnte nun der nächste Ministerpräsident des Kosovo werden. Er hat bereits die Bereitschaft bekundet, mit der LDK zusammenzuarbeiten, die zwar von Ex-Premier Isa Mustafa angeführt wird, deren Spitzenkandidatin aber die Juristin Vjosa Osmani war, die sich bis zur Wahl selbst Hoffnungen auf das Amt der Regierungschefin machen konnte.

Sowohl Kurti als auch Osmani haben in ihren Kampagnen betont, in erster Linie die Korruption bekämpfen zu wollen. Unterschiedlich sind aber ihre ökonomischen Vorstellungen. Während Osmani für marktwirtschaftliche Reformen eintritt, plädiert Kurti für einen Fonds zum Wiederaufbau staatlicher Unternehmen.

Korruptionsbekämpfung und Ankurbelung der Wirtschaft gehören denn auch zu den größten Herausforderungen für den Staat, der gleich in zweierlei Hinsicht ein junger ist. Zum einen hat er erst vor gut elfeinhalb Jahren seine Unabhängigkeit ausgerufen – die vom benachbarten Serbien sowie einigen anderen Ländern, unter anderem fünf EU-Mitgliedern, nicht anerkannt wird. Zum anderen liegt das Durchschnittsalter im Kosovo bei 29 Jahren. Doch die Perspektiven für die Bürger sind alles andere als glänzend. Fast ein Drittel der Menschen haben keinen Job, das Durchschnittsgehalt übersteigt 500 Euro nicht.

Auch die gewünschte Annäherung an die EU geht nur mühsam voran. Noch immer brauchen die Kosovaren, als einzige in der Region, ein Visum für Reisen in die Union. Und der unter Vermittlung der EU geführte Dialog mit Serbien stockt. Die von Prishtina verhängten Strafzölle auf serbische Waren verbessern da das Gesprächsklima keineswegs. Umgekehrt lässt Belgrad kaum eine Gelegenheit aus, die Aufnahme des Kosovo in internationale Organisationen zu blockieren.

Dieses Patt wird auch Kurti nicht schnell auflösen können. Unklar ist ebenfalls noch, wie rasch er eine Koalition bilden kann. Doch drängt er selbst zur Eile: Eine stabile Regierung müsse bald ihre Arbeit aufnehmen, das Budget sei zu beschließen. "Wir haben keine Zeit zu verlieren", sagt Kurti. Seine eigene Glaubwürdigkeit steht dabei ebenfalls auf dem Spiel.