Liszkay residiert ausgerechnet in jenem Gebäude, das einst die wichtigste überregionale Orbán-kritische Zeitung beherbergte. Von einem Tag auf den anderen wurde "Népszabadság" am 8. Oktober 2016 stillgelegt, kurz nachdem sie zwei Regierungsaffären aufgedeckt hatte. Fallen ließ das Blatt von der Bécsi út, der "Wiener Straße", ein Eigentümer aus Wien, die Vienna Capital Partners (VCP).

Der Untergang "Népszabadságs" ist ein Lehrstück für das Zusammenspiel zwischen der Regierung und den Medienbesitzern. Keine drei Wochen nach der Liquidierung verkauften VCP ihre ungarische Holding mitsamt den verbliebenen Zeitungen. Die Aktionäre der Käufer-Holding residieren laut "Süddeutscher Zeitung" auf den Seychellen, in Nigeria sowie in Felscút - Heimatgemeinde von Regierungschef Orbán und Lörinc Mészáros.

Von 33.000 Euro auf 1,15 Milliarden

In "Gott, Glück und Viktor Orbán" sieht Mészáros selbst die Gründe für seinen Aufstieg. Der 53-Jährige trägt den Spitznamen "Strohmann". Und zwar für Orbán, der offiziell keine unternehmerische Tätigkeit ausüben darf. 2006 war die einzige Firma des Gasinstallateurs Mészáros weniger als 33.000 Euro wert. Zwölf Jahre und 200 Beteiligungen später beträgt sein Vermögen der Zeitung "Welt" zufolge 1,15 Milliarden Euro. Auch Mészáros hat seine Medienbeteiligungen in die Kesma-Stiftung eingebracht. Er ist aber noch Baulöwe, Immobilienverwalter, Lebensversicherer und Großaktionär einer Bank, die Hauptkreditgeber seiner Investitionen ist.

Bei öffentlichen Ausschreibungen erhalten gerne Unternehmen den Zuschlag, die letztlich zu Mészáros’ führen. Laut der Investigativplattform "Atlatszo" handelte es sich allein 2018 um Ausschreibungen in Höhe von 826 Millionen Euro. Ganze 93 Prozent davon stammen aus EU-Töpfen.

Reichtum dank EU-Geldern

Die Unionsländer haben dem Treiben im "postkommunistischen Mafia-Staat", wie der liberale ungarische Ex-Bildungsminister Bálint Magyar seine Heimat nennt, lange zugesehen. Zwar läuft mittlerweile ein Rechtsstaatsverfahren der EU-Kommission, konkrete Sanktionen sind aber weit entfernt. In der Europäischen Volkspartei ist die Fidesz-Mitgliedschaft aufgrund von Tiraden gegen Noch-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker eingefroren. Den Ausschluss haben die Christdemokraten aber nicht gewagt. Dieser wird wohl nicht kommen, da Fidesz-Europaabgeordnete bei der Kür Ursula von der Leyens zur künftigen Kommissionspräsidentin mitgeholfen haben.

Die Deutsche dankt es, indem sie einen Ungarn für den Erweiterungskommissar vorsieht. Der Kandidat ist schon vor dem Hearing des EU-Parlaments durchgefallen, die Regierung in Budapest hat einen Ersatz vorgeschlagen. Von der Leyens Ressortzuteilung bleibt derweil aufrecht. Ausgerechnet eine von Orbán vorausgewählte Person soll als Kommissar für EU-Erweiterung gegenüber den Beitrittskandidaten auf dem Westbalkan - Albanien, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien - Rechtsstaatlichkeit hochhalten.