Die Türkei ist einem ähnlichen Vorwurf selbst ausgesetzt: dass sie durch die Ansiedlung syrischer Araber die Kurden zurückdrängen möchte.

Die Türkei behebt das, was die YPG angerichtet hat. Wir wollen, dass die syrischen Kurden in ihre Städte zurückgehen, ebenso die syrischen Araber. Und wir wollen, dass die Syrer die Führung im Norden Syriens übernehmen. Wir wünschen uns territoriale Integrität und Einheit in Syrien. Wir haben keinerlei Absicht, das Gebiet zu okkupieren. Wenn wir das gewollt hätten, hätten wir das machen können.

Was sind also die Absichten?

Zunächst die Region befreien. Danach werden wir den Syrern, die das Gebiet dann selbst verwalten, dabei helfen, aus der Türkei zurückzukehren. Es wäre übrigens nicht die erste militärische Operation, wir haben schon welche im Norden des Irak und Syriens durchgeführt. Mit einer Offensive haben wir 4000 Quadratkilometer im Norden Syriens, westlich des Euphrat, bereinigt. Wissen Sie, wie viele Menschen dann aus der Türkei dorthin zurückgekehrt sind? 360.000 sind in ihre Häuser, in ihr Land zurückgegangen. Nun haben wir das nächste Problem. 600.000 Menschen sind aus der Gegend um Idlib geflohen, 300.000 von ihnen bewegen sich Richtung europäischer, türkischer Grenze. Was machen wir, wenn sie in die Türkei, nach Europa wollen? Wer hilft ihnen? Daher die Pläne für die sichere Zone: Wir werden den Menschen helfen, sich wieder in Syrien anzusiedeln. Wir werden Häuser bauen und Unterstützung leisten, dass Geschäfte geführt und Felder bestellt werden können.

Woher soll das Geld dafür kommen?

Wir zahlen bereits in der Türkei für Flüchtlingshilfe. Bisher hat uns das 40 Milliarden Dollar gekostet. Statt das Geld in der Türkei auszugeben, wollen wir die Menschen dabei unterstützen, in ihrer Heimat zu bleiben. Die Finanzhilfe der internationalen Gemeinschaft, der Europäischen Union ist begrenzt und erfolgt nur langsam. Dennoch haben wir um deren Beitrag zur Einrichtung der sicheren Zone gebeten. Im EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen vom März 2016 ist denn auch festgehalten, dass die beiden Seiten gemeinsame Anstrengungen zur Verbesserung der humanitären Bedingungen im Norden Syriens unternehmen sollen. Das ist für unsere Sicherheit wichtig, aber auch dafür, mit irregulärer Migration fertig zu werden.

Ist das die Alternative dazu, dass die Türkei den Flüchtlingen "die Tore öffnet" für die Weiterreise in die EU, wie es Präsident Erdogan formuliert hat?

Präsident Erdogan wollte damit das Ausmaß des Problems aufzeigen. Seine Botschaft war: "Wach auf, Europa. Das Problem ist riesig, und es wird noch einige Zeit andauern." Die EU könne sich nicht aus der Verantwortung ziehen, bloß weil sie sechs Milliarden Euro zur Verfügung gestellt hat. Von diesem EU-Geld hat übrigens erst ein Drittel syrische Flüchtlinge erreicht.