Paris/Brüssel. Ihren neuen Job an der Spitze der EU-Kommission hat Ursula von der Leyen zu einem nicht unwesentlichen Teil dem französischen Präsidenten zu verdanken. Schließlich war es Emmanuel Macron gewesen, der die ehemalige deutsche Verteidigungsministerin im Tauziehen um den Brüsseler Chefposten vorgeschlagen hat und damit die Spitzenkandidaten des Europaparlaments für den Top-Job, den niederländischen Sozialdemokraten Frans Timmermans und den Deutschen Manfred Weber, verhinderte.

Mit der Ablehnung der französischen Kommissionskandidatin Sylvie Goulard durch das Europaparlament haben sich in der vergangenen Woche allerdings erstmals Risse zwischen Macron und von der Leyen aufgetan. In einem verbalen Rundumschlag attackierte der französische Präsident die Deutsche und machte sie für das Scheitern der französischen Bewerberin mitverantwortlich. Laut Macron hat nämlich von der Leyen auf Goulard bestanden, die sie aus ihrer Zeit als Verteidigungsministerin kannte. Er selbst habe dagegen vor einer Nominierung der 54-Jährigen gewarnt, da es wegen der noch laufenden Ermittlung in einer Scheinbeschäftigungsaffäre wohl "Diskussionen" geben werden.

Entsprechend angespannt war daher auch die Stimmung vor von der Leyens Besuch im Elysee-Palast am Montagvormittag. Doch zumindest nach außen hin waren beide Politiker sichtlich bemüht, die Wogen zu glätten. Vor den Fotografen gab es herzlichen Gesten, und auch das Gespräch selbst soll nach Angaben eines französischen Regierungssprechers "konstruktiv" und "in einer freundlichen Atmosphäre" verlaufen sein.

In der Sache selbst sind Macron und von der Leyen nach dem Goulard-Debakel allerdings nicht weitergekommen. Denn einem Sprecher von der Leyens zufolge gibt es von französischer Seite nach wie vor keine Entscheidung für einen neuen Kommissionskandidaten. Seit dem Wochenende kursieren allerdings schon einige Namen. So wird in Paris etwa die amtierende Verteidigungsministerin Florence Parly als Ersatz für Goulard gehandelt. Macron hatte sie ursprünglich für den Posten erwogen, wie auch die frühere Umweltministerin Segolene Royal. Sollte von der Leyen trotz ihrer angestrebten Geschlechtergleichheit in der Kommission doch einen Mann akzeptieren, stünde nach Pariser Angaben auch Präsidenten-Berater Clement Beaune bereit.

Für von der Leyen drängt in jedem Fall aber die Zeit. Denn planmäßig soll die neue EU-Kommission schon am 1. November ihre Arbeit aufnehmen und neben einem Kandidaten aus Frankreich fehlen von der Leyen auch noch zwei weitere Namen. So haben bisher weder Ungarn noch das tief in einer Regierungskrise steckende Rumänien Ersatzkandidaten für ihre ebenfalls abgelehnten Bewerber nominiert. Und selbst wenn schon in den kommenden Tagen neue Vorschläge präsentiert werden, könnte es noch knapp werden. Denn die Kandidaten müssen auch noch von der Kommissionspräsidentin und vom EU-Parlament geprüft werden.