Angesichts der türkischen Offensive in Nordsyrien hat der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis vor einer erneuten massiven Fluchtbewegung gewarnt. "Europa muss sich auf die Möglichkeit einer neuen Migrations- und Flüchtlingswelle vorbereiten. Wenn man sich nur die Zahl der Migranten ansieht, die in diesem Sommer im Vergleich zum vergangenen Sommer das Ägäische Meer überquert haben, wird klar, dass wir vor einem akuten Problem stehen, sagte Mitsotakis.

Dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan warf Mitsotakis "Erpressung" vor. Erdogan hatte den Europäern wegen ihrer Kritik an der türkischen Offensive gegen kurdische Kämpfer in Syrien mit einer Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge gedroht. In der Türkei leben derzeit rund 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge. Eine solche Drohung sei "inakzeptabel", sagte Mitsotakis.

Die EU und die Türkei hatten im März 2016 einen Flüchtlingsdeal geschlossen. Die EU sagte darin zu, über drei Jahre zwei Mal drei Milliarden Euro für die Versorgung der Flüchtlinge in der Türkei zu zahlen. Ankara sicherte im Gegenzug zu, mehr zu tun, um die Flüchtlinge an der Überfahrt auf die griechischen Ägäis-Inseln zu hindern.

Überfüllte Lager

In Griechenland leben mehr als 70.000 Flüchtlinge, fast 33.000 davon in Flüchtlingscamps auf den ägäischen Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos, die oftmals überfüllt sind. Ein Großteil von ihnen stammt aus Syrien und Afghanistan. Seit Jahresbeginn sind nach jüngsten Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) mehr Migranten (39.775) aus der Türkei zu den griechischen Inseln gekommen als im gesamten Vorjahr (32 494). Allein am Mittwoch setzten nach Angaben der griechischen Küstenwache 183 Migranten aus der Türkei nach Griechenland über. Bereits am Vortag waren 310 Migranten aufgegriffen worden.

Wegen der besonderen Belastung seines Landes forderte Mitsotakis Solidarität der anderen EU-Staaten ein. Es sei "inakzeptabel", dass mehrere Mitgliedstaaten in der Flüchtlingspolitik den Ansatz verfolgten, "dass es absolut nicht ihr Problem ist", kritisierte der neue griechische Regierungschef. Bei seinem ersten EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag wolle er die "Frage der Lastenverteilung" bei der Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen thematisieren. "Das lässt sich nicht vermeiden", sagte Mitsotakis.

Festnahmen nach Krawallen

Unterdessen wurden nach den schweren Krawallen in und um das Registrierlager von Samos zwölf Migranten von der griechischen Polizei festgenommen. Drei von ihnen - darunter einem 15-Jährigen - wird versuchter Totschlag vorgeworfen. Sie sollen mit Stichwaffen drei andere Migranten verletzt haben, teilte die Polizei am Mittwoch mit. Die Polizei hatte Tränengas eingesetzt, um die Krawalle zu beenden. Vor zwei Wochen war bei Ausschreitungen in einem Lager auf der Insel Lesbos eine Frau ums Leben gekommen. (apa/dpa/afp)