Die Verurteilung mehrerer katalanischer Politiker zu teils drakonischen Haftstrafen hat den Konflikt zwischen Madrid und Barcelona wieder deutlich verschärft. Der Ruf nach einer neuen Unabhängigkeitsabstimmung wird laut. Der katalanische Regionalpräsident Quim Torra stellte sich am Donnerstag hinter die Forderungen.

Torra hat als Reaktion auf die harten Urteile gegen neun Separatistenführer mit einem neuen Abspaltungsreferendum in der Region im Nordosten Spaniens gedroht. "Wenn wir für die Aufstellung von Urnen zu 100 Jahren Gefängnis verurteilt werden, dann ist die Antwort klar: Man muss erneut Urnen für die Selbstbestimmung aufstellen", sagte Torra am Donnerstag.

Dies solle noch in dieser Legislaturperiode geschehen, so Torra im Parlament von Barcelona. Ehemalige Spitzenpolitiker der Region und zwei Anführer ziviler Organisationen waren am Montag vom Obersten Gericht in Madrid wegen Aufruhrs zu langjähriger Haft in der Gesamtlänge von 100 Jahren verurteilt worden.

Über Gerichtsurteile "empört"

Es ging um ihre Rolle bei dem von der spanischen Justiz verbotenen Unabhängigkeitsreferendum vom 1. Oktober 2017. Die Höchststrafe bekam Ex-Vizeregionalchef Oriol Junqueras mit 13 Jahren Freiheitsentzug. Medienberichten zufolge können die Separatisten frühestens dann Vollzugslockerungen - also Freigang - bekommen, wenn sie ein Viertel der Haft verbüßt haben.

Torra sagte, er sei "empört und bestürzt" über die Urteile; diese seien eine "große Farce" und "niederträchtig". Wie bereits in der Nacht verurteilte der 56-Jährige die gewalttätigen Ausschreitungen der vergangenen Tage, bei denen es speziell in Barcelona zu Zusammenstößen mit der Polizei und vielen Verletzten gekommen war. Die Unabhängigkeitsbewegung lehne jede Form der Gewalt ab, woher sie auch komme. Gleichzeitig verteidigte er das Recht auf "friedlichen zivilen Ungehorsam".

Am Mittwochabend war es in Barcelona erneut zu heftigen Krawallen gekommen. Dabei gingen auch Autos in Flammen auf, die Demonstranten warfen zudem Steine und Brandsätze auf die Sicherheitskräfte. "Das muss sofort aufhören", kritisierte Torra in der Nacht auf Donnerstag. Es gebe weder einen Grund oder eine Rechtfertigung dafür. Er vermied es nach Medienberichten aber, radikale Aktivisten der sogenannten "Komitees zur Verteidigung der Republik" (CDR) für die Ausschreitungen zu kritisieren und machte für die Gewalt stattdessen eingeschleuste "Provokateure" verantwortlich.

Mindestens 20 Demonstranten seien am Mittwoch festgenommen worden, teilte die katalanische Regionalpolizei auf Twitter mit. Nach Angaben der Notdienste wurden 52 Menschen medizinisch versorgt. In Tarragona sei ein Demonstrant von einem Polizeiauto angefahren worden und habe ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. (apa)