Es war ein kurzes Aufatmen, ein Moment der Freude. Der Frust, das Unverständnis, die in den langen Monaten und Nächten der Verhandlungen immer wieder hochgekommen sind, waren für einen Augenblick beiseitegeschoben, ebenso die Unsicherheiten über den Ausgang der nahenden Abstimmung im britischen Unterhaus. Kurzfristig gab es in Brüssel nur die eine Botschaft: "Wir haben einen Deal." EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker freute sich via Kurznachrichtendienst Twitter über die neue Brexit-Vereinbarung, der britische Premierminister Boris Johnson sprach von einem "exzellenten" Vertrag, EU-Ratspräsident Donald Tusk, befand, dass ein Abkommen immer besser sei als kein Abkommen. Die Einigung darauf erfolgte kurz, bevor die EU-Staats- und Regierungschefs am Donnerstag zu einem zweitägigen Gipfeltreffen in Brüssel zusammenkamen.

Dementsprechend optimistisch zeigten sich die Spitzenpolitiker in ihren ersten Reaktionen. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron freute sich über "gute Nachrichten", der niederländische Premierminister Mark Rutte sah "ermutigende" Zeichen. Österreichs Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein begrüßte das "positive Ergebnis",  Außenminister Alexander Schallenberg beschrieb sein Gefühl in diesem Moment als "erstaunlich". Die Scheidung sei zwar schmerzlich, aber "mit dem heutigen Kompromiss besteht die Chance auf eine einvernehmliche Scheidung." Auch der finnische Ministerpräsident Antti Rinne, dessen Land derzeit den EU-Vorsitz innehat, äußerte die Hoffnung, dass nun "das Ende des Prozesses" anstehe. Und der irische Ministerpräsident Leo Varadkar ortete eine "einzigartige Lösung" für die "einzigartige" Situation auf der irischen Insel.

Grenzlösung für Irland

Um diese kreisten denn auch die heftigsten Debatten. Im Mittelpunkt der Kritik aus London und Belfast stand der sogenannte Backstop, eine Auffanglösung zur Vermeidung harter Kontrollen an der Grenze zwischen dem EU-Mitglied Irland und der britischen Provinz Nordirland. Die Regelung sollte gelten, falls keine andere möglich gewesen wäre.

Dieser Backstop ist nun vom Tisch. Stattdessen soll es einen permanenten Mechanismus geben, der nach einer Übergangsphase bis Ende 2020 in Kraft treten soll. Demnach werde Nordirland "begrenzt weiter bestimmten EU-Regeln unterliegen" und das "Eingangstor in den EU-Binnenmarkt" bilden, erläuterte EU-Chefverhandler Michel Barnier. Doch werde die Provinz der britischen Zollhoheit unterliegen. Kontrollen - nach EU-Recht - für Waren aus Drittstaaten sollen nicht auf der irischen Insel durchgeführt werden, sondern davor, in den Häfen beispielsweise.