Der konservative Spitzenkandidat Mike Mohring versucht erst gar nicht, diese Geschichtsdebatte aufzuwärmen. Er kritisiert den Lehrermangel, der ein zentrales Thema im Wahlkampf ist. Ramelow sieht die Schuld im Personalabbau unter der Vorgängerregierung - also bei der CDU. Mohring hatte sich bereits in der Hochphase von Angela Merkel, 2010, gegen den Mitte-Kurs der Bundeskanzlerin gestellt. Vier Jahre später flog er aus dem CDU-Bundesvorstand, weil er angeblich den Plan verfolgt hatte, auch dank Unterstützung der AfD zum Ministerpräsidenten aufzusteigen. Nunmehr schließt Mohring eine Koalition mit den Nationalpopulisten - wie auch mit der Linkspartei - aus. Er sagt sogar: "Ich finde, Björn Höcke ist ein Nazi."

Mike Mohring will eine Koalition seiner CDU mit Grünen, SPD und FDP schmieden. - © reuters/Dalder
Mike Mohring will eine Koalition seiner CDU mit Grünen, SPD und FDP schmieden. - © reuters/Dalder

Der AfD-Spitzenkandidat führt den völkischen "Flügel" der Partei nach außen an - eine Gruppierung, die vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingestuft ist und daher geheimdienstlich überwacht werden darf. Der frühere Geschichtslehrer forderte eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad", nannte das Berliner Holocaust-Mahnmal ein "Denkmal der Schande" und sprach vom "bevorstehenden Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch".

Höcke gibt die Opferrolle und plagiiert Haider

Höcke-Gegner ließen sich gerichtlich bescheinigen, dass der Politiker aufgrund der "überprüfbaren Tatsachengrundlage" als Faschist bezeichnet werden darf. Im Wahlkampf drohte er einem ZDF-Journalisten nach kritischen Fragen mit "massiven Konsequenzen". Auch in der AfD ist Höcke nicht unumstritten, aber Parteichef Alexander Gauland schützt ihn. Höcke selbst mimt das Opfer und plagiiert ein altes FPÖ Plakat mit Jörg Haider: "Sie sind gegen ihn, weil er für Euch ist."

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Während die Linkspartei dank Ramelow reüssiert, legt die AfD trotz Höcke zu. Mit dessen Arbeit sind nur 15 Prozent der Thüringer zufrieden, das ist der niedrigste Wert aller Spitzenkandidaten. Die AfD kann trotzdem ihre 10,6 Prozent von 2014 mehr als verdoppeln, sogar Platz zwei ist möglich. Damit bestätigt die AfD im Osten Deutschlands ihre Rolle als Volkspartei.

Der Absturz der SPD findet auch in Thüringen seine Fortsetzung. Nicht einmal jeder Zehnte wird sein Kreuz bei den Sozialdemokraten machen. Die Zugewinne der Grünen reichen nach jetzigem Stand nicht für eine Fortsetzung der rot-rot-grünen Koalition. Mohring träumt von einem noch nie da gewesenen Bündnis zwischen CDU, SPD, Grünen und FDP. Doch auch diese Konstellation verfügt nicht über die Mehrheit. Zudem ist der Einzug der Liberalen in den Erfurter Landtag unsicher.

Die Tolerierung einer Minderheitsregierung schließt der CDU-Chef aus, auch Ramelow hält wenig davon. Eine zähe Koalitionsbildung zeichnet sich ab - wie im benachbarten Sachsen, das vor knapp zwei Monaten gewählt hat. Dort ringen CDU, Grüne und SPD noch immer um eine Einigung.