Es läuft für Wladimir Putin. Zuhause büßte der russische Präsident zwar seit seiner Pensionsreform an Popularität ein. Sorgen muss sich der erfahrene Taktiker aber dennoch keine machen: Ein Herausforderer ist für den Kremlherrscher nicht in Sicht. In Syrien gelang es Putin, Russland wieder als Player in der Nahost-Region zu etablieren, während US-Präsident Donald Trump mit seinem Truppenabzug Zweifel an der Zuverlässigkeit US-amerikanischer Schutzzusagen aufkommen ließ. Und auch beim Hauptzankapfel mit dem Westen, dem Krieg in der Ostukraine, kommt mit dem Truppenabzug Bewegung in die erstarrten Fronten. Sollte dieser Abzug doch noch scheitern, etwa am Widerstand ukrainischer Nationalisten, wäre für Putin auch nichts verloren: Das würde gut ins russische Narrativ passen, wonach die Politik in Kiew von rabiaten, vom Westen unterstützten Nazis bestimmt wird. Ohnehin macht sich in Europa zunehmend Müdigkeit breit, was den Dauerkonflikt mit Russland betrifft. Die Stimmen für eine Beendigung der EU-Sanktionen mehren sich.

Da kommt für Putin ein Besuch bei Viktor Orban gerade zur rechten Zeit. Am heutigen Mittwoch wird der russische Präsident von dem ungarischen Premierminister in Budapest empfangen - einem Mann, der die EU-Sanktionen mehrfach öffentlich kritisiert hat, ihnen bis jetzt aber immer zugestimmt hat. Putin könnte hoffen, dass Ungarn eines Tages sein Veto gegen die EU-Strafmaßnahmen einlegt.

Doch auch abseits solcher Hoffnungen hat ein Besuch in Orbans Ungarn, an sich ja eher ein mäßig bedeutender europäischer Kleinstaat, für Putin einen Mehrwert: Am Mittwoch sollen wichtige Wirtschaftsabkommen unterzeichnet werden, es geht um russische Gaslieferungen sowie den Ausbau des ungarischen Atomkraftwerks Paks durch den russischen Staatskonzern Rosatom. Und es geht auch um gemeinsame Werte - freilich nicht um jene, die von der liberalen Brüsseler EU ständig beschworen werden: Russland und Ungarn wollen sich gemeinsam um den Schutz christlicher Gemeinschaften in Nahost kümmern. Die Leiter der größten christlichen Kirchen sollen eine Einladung nach Budapest bekommen, um über ihre schwierige Lage zu berichten.

Liberalismus "obsolet"

Die ostentative Betonung konservativer Werte, von Christentum und Patriotismus, vor allem aber die gemeinsame Ablehnung des westlich-liberalen Modells mit seiner Offenheit für Migration und sexuelle Minderheiten eint heute Russland und Ungarn. Es war der Migrationskritiker Orban, der 2015 in einer Rede von der Errichtung einer "illiberalen Demokratie" in Ungarn gesprochen hat. Und Putin hat in einem Interview die liberale Idee als "obsolet" bezeichnet, weil sie in der Migrationsfrage mit den Sicherheitsinteressen der Bevölkerung in Konflikt gerate. Dass Orban es unterlässt, ihn in Sachen Demokratie und Menschenrechte zu belehren, wird Putin sicher auch als angenehm empfinden.

Dabei hat Russland in Ungarn eigentlich kein gutes Image: Das Niederwalzen des Ungarn-Aufstands 1956 ist ebenso im Gedächtnis wie die Waffenhilfe des Zaren bei der Niederschlagung der ungarischen Freiheitsbewegung 1848. Und selbst Orban hat Russland im Vorjahr als "Gefahr für Europa" bezeichnet, gegen die sich die Nato schützen müsse. Dennoch fährt er, mit Kritik aus Brüssel konfrontiert - die aus Washington ist seit der Amtsübernahme Trumps weitgehend verstummt -, einen Schaukelkurs zwischen dem Westen, Moskau und Peking. Bis jetzt hat ihm das auch innenpolitisch nicht wirklich geschadet.