Er sei wie Marmite, sagt John Bercow. Der englische Brotaufstrich wirbt mit dem Spruch "Liebe es oder hasse es", bei ihm verhalte es sich ähnlich. "Manche sind sehr zufrieden mit mir, andere überhaupt nicht", sagte er vor kurzem im Interview mit dem "Spiegel". Ihn störe das nicht.

Zehn Jahre lang ist Bercow schon Parlamentspräsident. Seine legendären "Ordeeer"-Rufe haben ihn über Großbritannien hinaus berühmt gemacht und den Debatten in Westminster Showcharakter verliehen. Am Donnerstag wird die unverwechselbare Stimme des 56-Jährigen ein letztes Mal durch die Parlamentsarena hallen. Dann legt John Bercow sein Amt nieder.

Der dezidierte Proeuropäer hat die Debatte um den Brexit geprägt und gelenkt wie kein anderer. Der ehemalige Tory - Parlamentssprecher sind zu absoluter Neutralität verpflichtet - nutzte seine rhetorischen Künste, um allzu abgehobene Abgeordnete und Regierungsmitglieder zu maßregeln: "Versuchen Sie es mit Yoga, das wird Ihnen guttun", "Beruhigen Sie sich, Sie mögen ein freches Kerlchen sein, aber auch ein unglaublich lautes", "Benehmen Sie sich, seien Sie ein braver Junge!"

Geboren wird der Sohn eines Londoner Taxifahrers mit jüdisch-rumänischen Wurzeln 1963 in Edgware, Middlesex. Als Jugendlicher gilt er als Großbritanniens bester Tennisspieler, aber mit nicht einmal 1,70 Metern zu klein für eine Profikarriere. Also treibt es John Simon Bercow in die Politik.

Von rechts nach links

Als junger Mann ist er zunächst ein rechter Hardliner, bereits im Teenageralter tritt Bercow dem rechten Conservative Monday Club bei und wettert gegen Migranten. Bercow bezeichnet das später als "absoluten Wahnsinn", seine Ansichten von damals seien "saudumm" gewesen. Anfang 20 wendet er sich den konservativen Tories zu, nach zwei gescheiterten Versuchen schafft er 1997 den Einzug ins Parlament. In dieser Zeit findet jene bemerkenswerte Wandlung statt, die ihn schließlich zum Sozialliberalen werden lässt. Mit seinem Kampf für die Gleichberechtigung Homosexueller ist er vielen Tories zu links, bald gehen Gerüchte um: Bercow plane, zu Labour überzulaufen. Doch so weit kommt es nicht.

Bis zu seiner Wahl zum "Mr Speaker" 2009 bleibt Bercow zwar in der Partei. In den kommenden Jahren entfremdet er sich aber zusehens von den Tories. Als Parlamentspräsident entscheidet Bercow auch darüber, welche Änderungsanträge zur Abstimmung kommen - ein mächtiges Mittel im Kampf gegen eine Regierung, die den Brexit im Alleingang durchziehen will. Mit Verweis auf eine Regel aus dem 17. Jahrhundert, wonach nicht zweimal über dieselbe Sache abgestimmt werden darf, untersagt er Anfang des Jahres ein drittes Votum über Theresa Mays Austrittsabkommen. Die Regierung tobt, die Brexiteers werfen Bercow Einflussnahme zugunsten des Remain-Lagers vor. Der Boulevard setzt ihn als "Zerstörer des Brexit" auf die Titelseite.

Tatsächlich entscheidet Bercow vor allem im Sinne kleiner Parteien und Hinterbänkler. Als (ehemaliger) Konservativer schränkt er die Macht und den Handlungsspielraum der Tory-Regierungen seit dem Referendum empfindlich ein. Unter Proeuropäern ist er längst zur Kultfigur geworden, die Gegenseite wirft ihm Arroganz und Parteilichkeit vor, mitunter erhält er Morddrohungen. "Manche schreiben: ,Du wirst Weihnachten nicht überleben‘, oder: ,Wir haben dich im Fadenkreuz‘", sagte Bercow zum "Spiegel". Er mache sich Sorgen um Kollegen, die Stimmung sei noch nie so aufgeheizt gewesen.

Letzte Einflussnahme

Bercow erinnert gern daran, dass seit dem Zweiten Weltkrieg kein Parlamentspräsident so oft wiedergewählt wurde wie er (vier Mal). Von seinen 156 Vorgängern wurden sieben enthauptet, er sei erleichtert, dass die Todesstrafe inzwischen abgeschafft ist. "Was immer auch passiert", sagte er im Frühjahr in einem Interview, "ich werde wohl eher nicht meinen Kopf verlieren."

Für das Unterhaus gilt es nun, einen neuen Speaker zu wählen. Mit seinem Rückzug noch vor den Neuwahlen hat Bercow dafür gesorgt, dass der Einfluss der Hardliner auf seinen Nachfolger begrenzt bleibt. Es ist davon auszugehen, dass die Brexiteers um Boris Johnson im Unterhaus an Macht dazugewinnen.