Wien. Martin Selmayr ist in den vergangenen fünf Jahren der umstrittenste, wohl aber auch am meisten bewunderte EU-Beamte in Brüssel gewesen. Der 48-jährige Deutsche war zunächst der Kabinettschef von Noch-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und dann Generalsekretär der mächtigen EU-Behörde. In dieser Zeit galt Selmayr in Brüssel stets als machtbewusste "graue Eminenz" und "Strippenzieher" hinter den Kulissen.

Nun übernimmt Selmayr mit Anfang November die Vertretung der EU-Kommission in Österreich. Er folgt damit Jörg Wojahn nach, der seit September die Vertretung der EU-Kommission in Berlin leitet. Selmayr hat einen Großteil seiner Karriere in der EU-Hauptstadt gemacht. Nach dem Studium arbeitete der promovierte Jurist zunächst als Rechtsberater für die Europäische Zentralbank. Im Jahr 2001 ging er zu Bertelsmann und wurde 2003 für den Medienkonzern Lobbyist in Brüssel. Im November 2004 wechselte er in die EU-Kommission: Ab 2010 war er Kabinettschef von Justizkommissarin Viviane Reding. Bei der EU-Wahl 2014 wurde Selmayr Wahlkampfchef des Konservativen Juncker. Nach dessen Ernennung zum EU-Kommissionspräsidenten wurde er Kabinettschef des Luxemburgers. Juncker hat ihn einst wegen seiner langen Bürozeiten und Arbeitswut als "Monster" bezeichnet.

"Handstreichartige Aktion"

Zu einem Eklat kam es dann, als Juncker ankündigte, keine zweite Amtszeit als Kommissionspräsident anzustreben, und Selmayr eine neue Aufgabe brauchte. Im Februar 2018 wurde er binnen weniger Minuten erst zum stellvertretenden Generalsekretär und dann zum Generalsekretär der Kommission ernannt. Die Blitzbestellung löste im EU-Parlament einen Sturm der Entrüstung aus. Die EU-Abgeordneten sprachen in einer Entschließung von einer "handstreichartigen Aktion" und forderten eine Neuauflage des Verfahrens. Die EU-Bürgerbeauftragte Emily O’Reilly leitete eine Untersuchung ein und schloss diese im Februar mit einer Rüge an die EU-Kommission ab, weil diese EU-Recht und ihre eigenen Regeln nicht befolgt habe. Juncker hielt Selmayr aber stets die Stange und drohte sogar mit Rücktritt. "Wenn er geht, gehe ich auch", sagte der Kommissionspräsident am Höhepunkt der Affäre.

Unbestritten ist aber die maßgebliche Rolle Selmayrs bei zahlreichen wichtigen EU-Projekten. Als Generalsekretär war er unter anderem federführend für die Vorbereitung des EU-Finanzrahmens und für die Brexit-Verhandlungen zuständig. Auch die Aushandlung und Umsetzung der gemeinsamen Erklärung von Juncker und US-Präsident Donald Trump vom Juli 2018, die für eine Entspannung in den transatlantischen Handelsbeziehungen sorgte, fiel in seine Kompetenzen.