"Versuche es wieder"

Mohammed Lal, der es bereits neunmal versucht hat, wärmt sich an einem Holzfeuer. Er hat seine Familie kontaktiert. Sie wird ihm Geld schicken, um ein neues Smartphone, Winterkleidung und Essen kaufen zu können. "Die Grenzpolizei hat mich zurückgeschickt, aber ich werde es wieder versuchen", sagt Lal. "Ich muss, weil ich nach Afghanistan nicht zurück kann."

Mohammed Hosher Mirza hat für die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) in Afghanistan als Dolmetscher gearbeitet. Deshalb ist der 30-Jährige in den Augen der Taliban ein Feind. Nach Abzug der Isaf 2014 wollte er daher Afghanistan verlassen. "Ich habe Emails an europäische Botschaften geschickt, ihnen meine Lage in Afghanistan erklärt und gesagt, dass ich auf legalem Weg nach Europa kommen möchte." Doch die Antwort war nein, sie könnten nichts für ihn tun. Dann wurde Mirzas Cousin von Taliban ermordet und er beschloss, das Land zu verlassen. Über den Iran kam er in die Türkei, zog nach Griechenland, wo er zwei Jahre blieb, bis sein Asylgesuch abgelehnt wurde. Vor einem Monat verließ er Griechenland und kam über Serbien nach Bosnien. "Die meisten der Leute hier sind gut ausgebildet", sagt Mirza. "Sie hatten in ihren Ländern gut verdient, aber jetzt; du siehst wie wir hier leben müssen." Seit einer Woche habe er nicht mehr geduscht. "So wollen wir nicht leben", sagt er. Egal, wie oft die kroatischen Grenzbeamten ihn abfangen, zurück nach Afghanistan könne er nicht. Er werde es immer wieder versuchen. "Im Schnee, im Regen, bei Hitze, bis ich einen sicheren Ort, ein sicheres Leben gefunden habe."

Keine Lösung in Sicht

Selam Midzic, Rot-Kreuz-Chef in Bihac, kennt die Lage im Camp gut. "Wir sind nicht zufrieden damit, wie es im Camp läuft", sagt er in Hinblick auf die prekäre Situation. "Viele Migranten, die in das Camp kommen, sind bereits krank." Sie haben Krätze, Hepatitis, Tuberkulose. Er sei froh, dass Ärzte Ohne Grenzen seit 28. Oktober die Einwohner des Camps betreuen. Das Rote Kreuz tue, was möglich ist. Doch es fehle an finanziellen Mitteln und Personal. "Wenn der Winter kommt und es kälter wird, wie sollen wir den Menschen helfen?", so Midzic. Von der Regierung in Sarajevo wurde die Gemeinde Bihac bisher völlig im Stich gelassen. Es werde viel diskutiert, aber Lösung gebe es keine.

Laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) sind etwa 40.000 Migranten seit 2018 nach Bosnien gekommen. Weil andere Camps überfüllt sind, hat sich die Gemeinde Bihac entschlossen, das Zeltlager bei Vucjak zu errichten. Etwa 20.000 Migranten seien bisher durch Vucjak gegangen, so Midzic. "Die meisten von ihnen Richtung kroatischer Grenze." Wie viele über die Grenze in die EU gelangt sind, wisse er nicht. Am 15. November soll das Lager bei Vucjak geschlossen werden. Was dann mit den Flüchtlingen geschehen wird? "Das weiß niemand", so Midzic. "Wir hoffen, dass die Regierung bis dahin eine Lösung gefunden hat."