"Wiener Zeitung": Sie waren ein enger Weggefährte des Chefs der Fünf-Sterne-Bewegung, Beppe Grillo. Wie kommentieren Sie die derzeitige politische Situation in Italien?

Marco Morosini: Die derzeitige Regierungskonstellation aus Movimento Cinque Stelle und den Sozialdemokraten wurde durch das Taktieren des Lega-Chefs Matteo Salvini erst möglich. Salvini hat sich schlicht überschätzt, wollte der Fünf-Sterne-Bewegung den Sessel vor die Tür stellen und selbst Premierminister werden. Bis dahin haben die Fünf Sterne gut - für meinen Geschmack zu gut - mit Salvini leben können. Die Fünf Sterne haben jahrelang die Sozialdemokraten beschimpft und bekämpft. Salvini wollte Neuwahlen. Für die Fünf Sterne wäre das aber ein herber Schlag gewesen. Sie sind in den Umfragen nicht gut dagestanden. Also haben sie sich dazu durchgerungen, mit den Sozialdemokraten eine Partnerschaft einzugehen. Aus Sicht der beiden gab es gar keine andere Möglichkeit. Sie wussten: Wenn sie nicht zusammenarbeiten, übernehmen die Barbaren unter Salvini. Die Fünf Sterne sind in einer Hinsicht ja seltsam: Die Basis ist mehrheitlich links-grün und progressiv. Aber die Führung ist rechts. Ich habe Beppe Grillo immer empfohlen, dass die Fünf-Sterne-Bewegung mit der Linken regieren soll. Grillo hat aber immer darauf bestanden: Das kommt nicht infrage. Jetzt ist diese Konstellation die einzige Chance, der einzige Ausweg, die einzige Rettung.

Skandale seien "der Sauerstoff Salvinis", sagt Morosini (r.) im Gespräch mit WZ-Journalist Thomas Seifert. - © Luca Faccio
Skandale seien "der Sauerstoff Salvinis", sagt Morosini (r.) im Gespräch mit WZ-Journalist Thomas Seifert. - © Luca Faccio

Die Fünf Sterne hätten bei Neuwahlen wohl schwere Verluste eingefahren.

Vor allem für die Honoratioren wäre das ein gravierendes Problem gewesen. Denn bei Neuwahlen hätten sie nicht mehr kandidieren dürfen.

Warum?

Nach zwei Amtsperioden ist man bei den Fünf Sternen vorerst aus dem Spiel. Diese Regel haben sie sich selbst auferlegt. Somit ist auch klar, dass die Altgedienten, die dann in Polit-Rente gehen müssten, keine Neuwahlen wollen.

Wie ist es Salvini eigentlich gelungen, die Fünf-Sterne Bewegung - zumindest den Umfragen nach - Stück für Stück zu dezimieren?

Salvini ist es gelungen, die Fünf-Sterne-Bewegung auf dem eigenen - nämlich dem digitalen - Terrain zu schlagen. Die Erfindung von Gianroberto Casaleggio und den Fünf Sternen war die digitale Partei. Doch plötzlich kommt ein Parvenü wie Salvini, der mit digitalen Mitteln die Fünf Sterne beinahe zerreißt. Matteo Salvini hat eine digitale Maschine erschaffen, diese Maschine heißt La Bestia, die Bestie. Da twittern und posten zwölf Personen oder mehr rund um die Uhr. Twittern. Posten. Twittern. Posten. Ohne Unterlass. Als Verstärker nützen sie auch noch die anderen Medien wie Fernsehen oder Print. Salvini erzeugt jeden Tag einen Skandal und - presto! - die Medien berichten. Davon lebt er. Das ist sein Sauerstoff. Salvini versteht es meisterlich, die Ökonomie der Aufmerksamkeit zu nutzen. Die Fünf Sterne haben übrigens dem fremdenfeindlichen Krawall-Kurs von Salvini wenig entgegengesetzt. Ex-Vizepremier Luigi Di Maio spricht aus politischer Opportunität seit Jahren vom Taxi del Mare, von den Meerestaxis. Er begreift das Phänomen der Migration nach Italien mit Schleppern und kriminellen Banden und erklärt die Hilfsorganisationen zu Komplizen. Ich bin davon überzeugt, dass Di Maio das aus Opportunismus gemacht hat, nicht weil er das glaubt. Was Di Maio im Umgang mit Salvini stattdessen machen hätte sollen: Ruhe bewahren. Die Temperatur der Debatte herunterfahren. Und für einen hygienischen, sauberen öffentlichen Diskurs sorgen.