Italien war schon in der Vergangenheit ein Früh-Indikator für bestimmte Entwicklungen. Silvio Berlusconi war etwa der erste Medienpopulist.

Die Italiener haben vieles erfunden: das Radio, den Helikopter. In meinem Buch "Snaturati - Verzerrt" schreibe ich, dass die Fünf-Sterne-Idee der digitalen Partei ein internationaler Exporterfolg werden könnte, wie die Pizza oder die Vespa. Oder auch wie der Faschismus. Eine digitale Partei - das verspricht Mitbestimmung - oder aber totale Kontrolle. Die digitale Partei - das war es, was die Fünf Sterne in die Regierung gebracht hat. Der Rechtsextremist Matteo Salvini ist ein extrem begabter Populist, er weiß etwa, wie man im Fernsehen sympathisch wirkt - auch, wenn er alles andere als sympathisch ist. Aber die Lega - seine Partei - ist die älteste Partei Italiens, 1989, die Strukturen sind nicht digital.

Wie passen Fünf Sterne und Sozialdemokraten zusammen?

Die Schnittmenge ist groß. Im Europäischen Parlament stimmen die Fünf Sterne meist zusammen mit den Grünen und der Linken. Fünf Sterne und Sozialdemokraten sind für zumindest schüchterne Maßnahmen für die Linderung von sozialen Härten. Immerhin gibt es heute eine Sozialhilfe für die Ärmsten. Das haben die Sozialdemokraten eingeführt, und Fünf Sterne haben das ausgeweitet, unter dem Namen "Reddito di cittadinanza" (Bürger-Einkommen). Es wurde versprochen, dafür 17 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen, de facto sind es aber nur zwei Milliarden. Zwei Millionen sind begünstigt statt fünf. Aber immerhin: Italien hat endlich ein wackliges System, um den Ärmsten zu helfen. Zudem gibt es jetzt auch eine bessere Unterstützung für die Kinder - was auch die Kirche begrüßt hat. Niemand will da "Nein!" sagen, außer vielleicht der Finanzminister.

In Ihrem neuen Buch "Snaturati - Verzerrt. Eine nicht autorisierte Biografie der Fünf-Sterne-Bewegung" warnen Sie vor der Digitalisierung der Politik.

Ich vergleiche das im Buch mit der Atomkraft. In den sechziger Jahren gab es eine Atomkraft-Euphorie. Das hat sich dann, wie wir wissen, gedreht. Mit der digitalen Euphorie ist das ähnlich. Wir sehen aber schon jetzt, wie schädlich eine unregulierte Digitalisierung ist. Erst in zehn oder 20 Jahren werden wir vielleicht erkennen, was wir angerichtet haben. Nur: Aus der Atomkraft können wir morgen aussteigen. Aber das Digitale bleibt. Vieles, was wir heute als die große Revolution dieser Epoche feiern, wird sich als Albtraum erweisen.

Sie schreiben in ihrem Buch, Fünf Sterne und diese drei Schlagwörter wären untrennbar verbunden: Technologie, Ideologie, Synergie.

Technologie: Die Fünf Sterne-Bewegung ist nicht zufällig zwei Jahre nach dem iPhone entstanden, die Partei ist die erste politische Bewegung, die das Kind einer Technologie ist. Sie wurde von Richard Barbrook und Andy Cameron die "kalifornische Ideologie" des Digitalismus genannt, eine Mischung aus Woodstock und Wall Street. Die Allianz aus findigen Entwicklern und waghalsigen Investoren hat den Digitalismus möglich gemacht.