Es war die Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, die für Deutsche in Ost und West zur "Nacht der Nächte" wurde. In Hamburg sang am Abend des 9. der ehemalige Finanz- und Verteidigungsminister Hans Apel den Choral: "Wach auf, wach auf, Du deutsches Land, Du hast genug geschlafen. Bedenk, was Gott an Dich gewandt, wozu er Dich erschaffen."

In Bonn sangen die Abgeordneten des Bundestages die dritte Strophe des Deutschlandliedes, und in Berlin weinte Marianne Birthler, die später zur Bundesbeauftragten für die Aufarbeitung der Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR, der Stasi, wurde. Sie war Berlinerin und zum ersten Mal in ihrem Leben im Westteil der Stadt. Sie erinnerte sich später: "Es war so, als würde man einen Menschen, den man mag, zum ersten Mal auch von einer anderen Seite sehen, also einmal um ihn herumgehen dürfen. Endlich konnte ich diese Stadt, in der ich ja zuhause war, auch von der anderen Seite sehen."

Es waren zwei Worte - "sofort" und "unverzüglich" -, die diese Nacht eingeleitet hatten und am Ende die Mauer in Berlin zum Einsturz brachten. An jenem Abend versetzte SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski im Pressezentrum in der Ostberliner Mohrenstraße vor laufenden Fernsehkameras der SED-Herrschaft den Gnadenstoß. Es war ein historischer Moment, der eine historische Nacht einleitete, die man als Deutscher im Fernsehen mit bewegtem Herzen und emotional aufgewühlt verfolgen konnte. Es geschah etwas Unglaubliches, Unfassbares: Nach 28 Jahren fiel die Mauer.

Die Vorgeschichte

Wie konnte es so weit kommen? Das fragten sich später nicht nur SED-Funktionäre. Jahrzehntelang galt für die DDR das, was Sowjetführer Leonid Breschnew 1970 SED-Chef Erich Honecker in Moskau mit seltener Offenheit klargemacht hatte, nämlich was "Partnerschaft im Bruderbund" bedeutete. Breschnew: "Wir haben doch Truppen bei Euch. Erich, ich sage Dir offen, vergiss das nie: Die DDR kann ohne uns, ohne die Sowjetunion, ihre Macht und Stärke, nicht existieren. Ohne uns gibt es keine DDR."

Mit anderen Worten: Solange die Sowjetunion so blieb, wie sie war, würde es auch eine DDR geben. Das war 1953 demonstriert worden, als sowjetische Panzer den Volksaufstand in der DDR blutig niederwalzten, und auch 1961, als mit Zustimmung Moskaus die Mauer gebaut wurde, um das Ausbluten der DDR zu verhindern. Aber dann änderte sich die Sowjetunion beziehungsweise deren Führung. 1985 wurde Michail Gorbatschow Parteichef. Es begann eine neue Ära in der Sowjetunion und damit auch in den internationalen Beziehungen.