Mit dem Trabbi in den Westen . . . - © Peter Turnley/Corbis/VCG via Getty Images
Mit dem Trabbi in den Westen . . . - © Peter Turnley/Corbis/VCG via Getty Images

Inzwischen füllten sich die bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau mit DDR-Flüchtlingen. Wir kennen jene Bilder, wo in Prag die Menschen über den Zaun des Botschaftsgeländes kletterten. Und dann kam jener berühmte Satz von Genscher: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise . . .". Der Rest ging bekanntlich im Jubel der DDR-Bürger unter. Verriegelte Sonderzüge brachten die Flüchtlinge über das Gebiet der DDR in die Bundesrepublik. Mit dem Umweg durch die DDR sollten die Souveränität der DDR und ihre Verfügungsgewalt über die Flüchtlinge demonstriert werden.

Geleise und Bahnhöfe in der DDR waren geräumt worden, damit keine Menschen aufspringen konnten. In Dresden kam es dennoch auf dem Hauptbahnhof zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und rund 3000 Menschen.

In dieser Situation liefen wie geplant die Vorbereitungen für die Feiern zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung. Während die SED-Funktionäre am 7. Oktober im Palast der Republik feierten, ging die Stasi wieder brutal gegen Demonstranten vor. Ehrengast Michael Gorbatschow meinte später im Interview, er sei ganz irritiert gewesen, Honeckers Verhalten habe ihm Sorgen gemacht. Zwei Tage später fand in Leipzig die größte Demonstration seit dem 17. Juni 1953 statt: Auf der Montagsdemonstration skandierten rund 75.000 Teilnehmer "Wir sind das Volk!" Einer solchen Menschenmenge war die Stasi nicht gewachsen; die Sicherheitskräfte griffen nicht ein. Genau um 18.35 Uhr am 9. Oktober 1989 verzeichnete ein Protokollant des Ministeriums für Staatssicherheit: "Vorbereitete Maßnahmen zur Verhinderung/Auflösung kamen entsprechend der Lageentwicklung nicht zur Anwendung."

Am 18. Oktober wurde Erich Honecker abgesetzt, Egon Krenz als sein Nachfolger bestimmt. Am 4. November kam es zur größten nicht staatlich organisierten Demonstration in der Geschichte der DDR. Auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin forderten hunderttausende DDR-Bürger - die Veranstalter sprachen von einer Million - Reformen und Reisefreiheit. Als die CSSR die DDR-Regierung am 8. November bat, die Ausreise von DDR-Bürgern in die Bundesrepublik "direkt und nicht über das Territorium der CSSR" abzuwickeln, nachdem die Genossen in Prag dem Rat der SED nicht gefolgt waren, eine Mauer um die deutsche Botschaft zu errichten, setzte eine dramatische Entwicklung ein. Eine neue Reiseverordnung war dringend erforderlich, um dem Regime Druckentlastung zu verschaffen.

Einen entsprechenden Entwurf billigte das Zentralkomitee der SED am 9. November. Ab sofort sollten demnach Privatreisen für jedermann möglich sein. Das war allerdings keine generelle Reisefreiheit, da gleichzeitig Durchführungsbestimmungen für die Pass- und Meldestellen der Volkspolizei vorbereitet wurden. Privatreisen sollten nach wie vor beantragt werden müssen, und nur wer einen Reisepass besaß, sollte ein Visum erhalten. Einen Reisepass aber besaßen nur etwa vier Millionen Bürger; alle anderen, so das Kalkül, mussten zunächst einen Pass beantragen und sich dann noch einmal mindestens vier Wochen bis zu dessen Ausgabe gedulden. Einem sofortigen Aufbruch aller DDR-Bürger schien damit ein wirksamer Riegel vorgeschoben.