Als Sperrfrist für die Veröffentlichung des Reisegesetzes wurde der 10. November, 4.00 Uhr, festgesetzt. Hans Modrow, als Nachfolger von Egon Krenz letzter SED-Ministerpräsident der DDR, erläuterte im Jahr 2007, was man sich damit erhofft hatte: "Dann hörte der DDR-Bürger das und geht zu seinem Polizeiamt und lässt sich in dieser Form den Zettel ausfüllen. Dann geht der an die Grenze und legt ihn vor. Kann passieren. So naiv saßen wir - man kann ja heute nur noch sagen trottelig - da." Es kam ja auch bekanntlich alles ganz anders.

Das Missverständnis

Auf dem Weg zu der für 18.00 Uhr angesetzten internationalen Pressekonferenz an diesem 9. November überreichte Krenz SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski einen Zettel mit der entsprechenden Pressemitteilung und der Bemerkung, die Presse zu informieren. Dazu Schabowski im Jahr 2007: "Das war eine neue Praxis im Umgang mit den Me-dien. Bis dahin pflegte die SED über ihre ZK-Sitzungen nur nichtssagende Drei-Zeilen-Kommuniqués zu veröffentlichen."

Schabowski steckte den Zettel unbesehen in seine Mappe. Genau um 18.57 Uhr versetzte er dann im Pressezentrum in der Mohrenstraße vor laufenden Fernsehkameras der SED-Herrschaft aus Unkenntnis den Gnadenstoß - als Ergebnis eines grandiosen Missverständnisses. Schabowski war nicht dabei gewesen, als das Politbüro die Reiseverordnung verabschiedet hatte. Er kannte weder den Wortlaut des Papiers, noch wusste er etwas von einer Sperrfrist, die auch Krenz nicht erwähnt hatte. Er ging im Gegenteil davon aus, dass die Pressemitteilung bereits verbreitet worden war.

Am Ende dieser Pressekonferenz geschah es dann: Der italienische Korrespondent Riccardo Ehrmann fragte nach dem Entwurf für das Reisegesetz. Was dann kam, ist inzwischen oft im Fernsehen gezeigt worden: Schabowski suchte in seinen Papieren den erwähnten Zettel und teilte dann mit, das ZK habe beschlossen, ". . . heute . . . äh . . . eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht,. . . äh . . . über Grenzübergangspunkte . . . äh . . . auszureisen".

Er kratzte sich am Kopf, setzte seine Brille auf und ordnete seine Unterlagen: "Also, Genossen, mir ist das hier also mitgeteilt worden, dass eine solche Mitteilung heute schon . . . äh . . . verbreitet worden ist. Sie müsste eigentlich in Ihrem Besitz sein. Also [liest sehr schnell vom Blatt] . . . Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden."