"Bild"-Reporter Peter Brinkmann hakte nach: "Wann tritt das in Kraft?" Schabowski blätterte wieder in seinen Papieren und teilte schließlich mit: "Das tritt nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich [blättert weiter in seinen Unterlagen] . . . [leise] . . . unverzüglich." In dem folgenden Stimmengewirr murmelte er zweimal resigniert: "Ich habe nichts Gegenteiliges gehört."

Während einige Journalisten eilig den Raum verließen, stellte jemand die Frage: "Herr Schabowski, was wird mit der Berliner Mauer jetzt geschehen?" Schabowski wies darauf hin, dass es 19.00 Uhr - und die Pressekonferenz damit beendet sei. "Sofort" und "unverzüglich". Das waren die Signalworte, mit denen die Nacht der Nächte begann. Die Pressekonferenz war zwar live im DDR-Fernsehen übertragen worden, entscheidend wurde jetzt aber die Berichterstattung in Rundfunk und Fernsehen der Bundesrepublik mit der Schlagzeile: "Die Mauer ist auf."

Tausende Ostberliner machten sich auf den Weg zur Mauer, um zu sehen, was los war und ob das stimmte, was im Fernsehen verkündet worden war. Die Grenzsicherungsorgane wurden völlig überrascht und blieben zunächst ohne Befehle. Einer kam dann noch: die Auffälligsten rauslassen - mit Stempel im Pass, der bedeutete (was nur die Grenzer wussten): keine Wiedereinreise. Aber es war zu spät. Fassungslos und von der ahnungs- und hilflosen Führung im Stich gelassen, wichen sie den Massen. Was sie jahrelang gesichert hatten, war nicht mehr. Dann trafen sie eine kluge Entscheidung. Genau um 23.14 Uhr stellten sie in der Bornholmer Straße alle Kontrollen ein. "Wir fluten jetzt!", kündigte der leitende Offizier an. Dann wurde der Schlagbaum geöffnet. Die Mauer, seit 28 Jahren das Symbol des Kalten Krieges, war nicht mehr.

Im Schlaf überrascht

Am Morgen des 10. November verlangte Moskaus Botschafter in Ost-Berlin, Wjatscheslaw I. Kotschemassow, von DDR-Außenminister Oskar Fischer telefonisch eine Erklärung. Der hatte anscheinend Wichtigeres zu tun, wie seine Antwort deutlich machte: "Wozu jetzt noch darüber reden?" Bei Egon Krenz erging es Kotschemassow wenig besser. "Die Öffnung der Grenze in Berlin berührt die Interessen der Alliierten", hielt er dem SED-Generalsekretär vor. Krenz gab eine bemerkenswerte Antwort: "Dies ist jetzt nur noch eine theoretische Frage. Das Leben hat sie heute Nacht beantwortet."

Gorbatschow war vom Fall der Mauer überrascht worden. Er schlief - und niemand weckte ihn. In einem Interview meinte er später: "Ich habe das am nächsten Morgen erfahren. Man hat mich angerufen und mir das dann mitgeteilt. Es war ein ganz normaler Tag. Wir mussten nur dafür Sorge tragen, dass der Prozess nicht im Chaos endete." Anders als beim Volksaufstand 1953 blieben die sowjetischen Panzer in der DDR auf seinen Befehl in den Kasernen. Am 10. November schrieb Gorbatschows außenpolitischer Berater, Anatolij Tschernajew, in sein Tagebuch: "Die Mauer ist gefallen. Das ist das Ende des Sozialismus."

Es sollte auch das Ende der DDR sein. Als Bundeskanzler hatte Helmut Schmidt im Jahr 1982 einmal gesagt, die Wiedervereinigung sei "Lichtjahre" entfernt. Diese Lichtjahre wurden nach dem Mauerfall auf elf Monate reduziert: Am 3. Oktober 1990 war Deutschland wieder vereint.