Liliana Segre - © APAweb /Nicola Marfisi / AGF / picturedesk.com
Liliana Segre - © APAweb /Nicola Marfisi / AGF / picturedesk.com

Die italienische Senatorin auf Lebenszeit und Holocaust-Überlebende, Liliana Segre, ist unter Polizeischutz gestellt worden. Zwei Carabinieri werden täglich über die Sicherheit der 89-Jährigen wachen, nachdem sie zuletzt wiederholt mit Mord bedroht worden war, teilte die Sicherheitskräfte am Donnerstag mit.

Segre erhalte täglich über soziale Netzwerke rund 200 Hassbotschaften mit antisemitischem Inhalt, berichteten italienische Medien. Die Mailänderin engagiert sich seit den 1990er-Jahren, um die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten.

Auf Initiative der Senatorin auf Lebenszeit, die aus einer jüdischen Familie stammt und das Konzentrationslager in Auschwitz überlebte, hatte der Senat vergangene Woche für die Einrichtung einer Sonderkommission zur Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und jede Form von Gewalt gestimmt. Dabei sollen vor allem soziale Netzwerke unter die Lupe genommen werden. Dem Vorschlag Segres folgte die Hetzkampagne auf ebendiesen Plattformen.

Attacken vonseiten der rechten Lega

Für die Kommission stimmten alle Regierungsparteien, die oppositionellen Rechtsparteien Lega, Fratelli d'Italia und Forza Italia sprachen sich dagegen aus. Sie warnten vor der Gefahr eines "Polizeistaates" nach dem Modell von George Orwell. Segre hatte daraufhin Kritik an jenen Parteien geübt, die gegen die Einrichtung der Kommission gestimmt hatten. Dies hatte ihr Attacken aus den Reihen der rechten Lega eingebracht.

Segre erwiderte auf die Kritik mit Dialogbereitschaft. Trotz der Meinungsverschiedenheiten mit der Lega sei ihre Türe immer offen, sagte die Mailänderin laut Medienangaben. Daraufhin kritisierte Lega-Chef Matteo Salvini die Attacken gegen Segre und erklärte, dass er die Senatorin auf Lebenszeit gern treffen würde: "Ich habe von ihr viel zu lernen", so der Rechtspopulist

Zeitzeugin gegen das Vergessen

1930 in Mailand geboren, wuchs Segre nach dem frühen Tod ihrer Mutter bei ihrem Vater Alberto und dessen Eltern auf. Während des Zweiten Weltkriegs versteckt Segres Vater sie zunächst bei Freunden. 1943 versuchen sie, über die Berge in die Schweiz zu gelangen, doch die Grenzpolizei verweigert ihnen die Einreise.

Segres Vater Alberto sowie ihre Großeltern wurden im KZ Auschwitz ermordet. - © Creative Commons, Famiglia Segre [Public domain]
Segres Vater Alberto sowie ihre Großeltern wurden im KZ Auschwitz ermordet. - © Creative Commons, Famiglia Segre [Public domain]

In Italien wird die Familie verhaftet und Segre Anfang 1944, damals gerade einmal 13 Jahre alt, ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Segre muss Zwangsarbeit für die Weichsel-Union-Metallwerke leisten.

Segres Vater und ihre Großeltern überleben das Todeslager nicht. Alberto Segre wird im April 1944 von den Nazis ermordet. Die Tochter überlebt ein Jahr der Gefangenschaft in Auschwitz und den Todesmarsch Richtung Deutschland Anfang 1945. Am 30. April befreien die Alliierten Segre aus dem KZ Malchow, einem Außenlager des KZ Ravensbrück.

Segre kehrt nach Mailand zurück, heiratet und bekommt drei Kinder. Bis heute tourt sie als Zeitzeugin durch Schulen und berichtet von den Gräueln der Nationalsozialisten. (apa/sig)