Der Wahlkampf in Großbritannien erreichte einen Tiefpunkt, noch bevor er überhaupt angefangen hatte. Am Mittwoch veröffentlichten die konservativen Tories auf Twitter ein Video mit Ausschnitten eines Fernsehinterviews mit Labours Brexit-Sprecher Keir Starmer.

Die größte Oppositionspartei will den Brexit-Deal neu verhandeln und dann ein Referendum darüber abhalten. Auf die Frage, wieso die EU das Austrittsabkommen mit einer möglichen Labour-Regierung wieder aufschnüren sollte, hat Starmer in dem Tory-Video keine Antwort. Er blinzelt, fühlt sich offenbar unwohl. "Labour hat keinen Plan für Brexit", steht in großen, roten Lettern unter seinem ratlosen Gesicht.

In dem Video wirkt Starmer wie ein ahnungsloser Idiot. Nur: So ist das Interview gar nicht gelaufen, in Wahrheit hatte der Labour-Politiker durchaus eine Antwort parat: Er stehe seit drei Jahren im Dialog mit den restlichen 27 Mitgliedstaaten und kenne die Parameter eines möglichen Deals mit Labour sehr gut.

Die Tories mussten sich daraufhin vorwerfen lassen, Fake News zu verbreiten. Johnny Mercer, der das Video gepostet hatte, entschuldigte sich, doch andere, darunter Fraktionsführer James Cleverly, beharrten allen Tatsachen zum Trotz auf ihrer Position, das Interview lediglich gekürzt wiedergegeben zu haben.

 

Geheimdienstbericht mit Spengkraft

Die Episode zeigt, dass vielen im Wahlkampf jedes Mittel recht ist - womöglich auch zur Ablenkung von unangenehmen Themen. Debattiert wurde diese Woche auch über einen Bericht des Geheimdienstausschusses. Er behandelt eine mögliche Einmischung Moskaus in die Brexit-Kampagne vor dem Referendum 2016 sowie auf die Neuwahlen von 2017. Das Parlament und die Opposition wollten den Bericht einsehen, doch Premier Boris Johnson weigert sich, ihn zu veröffentlichen.

Laut dem "Guardian" befasst sich das Dokument unter anderem mit Versuchen Russlands, die Tories zu infiltrieren. Die Opposition wirft Johnson vor, den Bericht aus politischen Gründen nicht herauszugeben. "Was haben Sie zu verbergen?", fragte die Labour-Abgeordnete Emiliy Thornberry.

Die Regierung spricht von "Verschwörungstheorien" und verweist darauf, dass die Veröffentlichung erst geprüft werden muss, weil der Bericht sensible Informationen enthalte.

Die Rache Stalins

Russland musste diese Woche auch für eine Reihe von Beleidigungen und Unterstellungen herhalten. So warf Premier Johnson Labour-Chef Jeremy Corbyn vor, nach der Giftattacke auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal in Salisbury auf der Seite Moskaus gewesen zu sein. In einem Kommentar für die Tageszeitung "Daily Telegraph" verglich der Premier den Oppositionsführer dann auch noch mit dem sowjetischen Diktator Josef Stalin. Dessen Partei zeige mit dem Finger auf Individuen "mit einer Rachsucht, wie es sie seit der Verfolgung der Kulaken durch Stalin nicht mehr gegeben hat".