Albert Rivera liebt es, zu diskutieren. Darin ist der 39 Jahre alte Politiker richtig gut. Er ist schlagfertig und durchsetzungsstark. Zweifellos gehört der Vorsitzende von Spaniens liberalkonservativen Ciudadanos zu den rhetorisch besten Politikern des Landes. Schon als Jus-Student gewann er regelmäßig Rhetorikwettbewerbe an seiner Universität in Barcelona. Umso mehr verwunderte deshalb zuletzt seine Nervosität bei der Fernseh-Wahlkampfdebatte mit den Spitzenkandidaten der anderen vier großen Parteien.

Medien und Experten waren sich nach der TV-Debatte einig: Albert Rivera war der große Verlierer. Zu nervös, zu aggressiv lautete das Urteil. Doch war der Druck auf Rivera auch am größten. Sämtliche Umfragen sagen seinen noch jungen Ciudadanos am kommenden Sonntag bei der spanischen Parlamentswahl ein regelrechtes Desaster voraus.

Seine Partei darf nur noch mit 15 der 350 Sitze im Parlament rechnen, wird nur noch fünftstärkste Fraktion in Madrid sein. Ein Wahldebakel ohnegleichen für eine Partei, die sich noch bis vor kurzem als politische Alternative zum sozialistischen Ministerpräsidenten und erneuten Wahlfavoriten Pedro Sánchez (PSOE) verkaufte.

Pedro Palacios wendet sich von den Ciudadanos ab. - © Meyer
Pedro Palacios wendet sich von den Ciudadanos ab. - © Meyer

Tatsächlich gelang es Rivera bei der vergangenen Wahl im April fast, die Oppositionsführung zu übernehmen. Er holte mit 57 Mandaten nur neun weniger als Spaniens arrivierte, konservative Volkspartei (PP).

Was ist in diesem halben Jahr nur vorgefallen? "Die politische Blockade Spaniens und der sich zuspitzende Katalonien-Konflikt", urteilt der spanische Wahlforscher Pablo Simón im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Frances Bontana wird zu Vox oder PP wechseln. - © Meyer
Frances Bontana wird zu Vox oder PP wechseln. - © Meyer

Die jüngsten Ausschreitungen in Barcelona nach der Verurteilung von neun katalanischen Separatistenführern Mitte Oktober wühlen viele Spanier extrem auf. "Viele haben das Gefühl, die Einheit des Landes und das friedliche Zusammenleben stehen mehr als je zuvor auf dem Spiel", erklärt Simón.

Auf den ersten Blick verwundert es, dass gerade die Ciudadanos dadurch Schaden nehmen. Immerhin gründete Rivera die Partei 2006 in Katalonien als Kraft gegen die damals aufkommende Unabhängigkeitsbewegung. Rivera ist einer der vehementesten Gegner der katalanischen Separatisten.

Genau aus diesem Grund gab auch die Madrilenin Frances Botana den Ciudadanos bei den jüngsten beiden Wahlen ihre Stimme. Besonders gefiel Botana, wie Kataloniens Ciudadanos-Chefin Inés Arrimadas als Oppositionsführerin die Regionalregierung in ihre Schranken wies. "Aber seit den Wahlen im April sieht und hört man von Ciudadanos in Katalonien nichts. Arrimadas ist Rivera ins Madrider Parlament gefolgt und überließ Katalonien Politikern aus der zweiten Reihe. Das hat mich enttäuscht", ärgert sich die 55-jährige Kunstkuratorin.