Im Schatten des katalanischen Unabhängigkeitskonflikts und des Erstarkens der Rechtspopulisten finden am Sonntag Parlamentswahlen in Spanien statt. Rund 37 Millionen Bürger sind aufgerufen, 350 Parlamentsabgeordnete zu wählen. Und darf man einer letzten Umfrage von Samstag glauben, dürfte die rechtspopulistische Vox-Partei einen unerwarteten Wahlerfolg feiern.

Mit bis zu 59 Mandaten werden die Rechtspopulisten von Santiago Abascal ihre bisher 24 Sitze mehr als verdoppeln. Das zumindest sagt die Umfrage im "El Periodic d'Andorra" vorher. Die Sozialisten von Ministerpräsident Pedro Sanchez (PSOE) werden zwar die Wahlen gewinnen, aber im Vergleich zum Urnengang im April drei Sitze verlieren. De große Aufholjagd der Konservativen (PP) könnte deutlich schwächer ausfallen als erwartet. Oppositionsführer Pablo Casado ging bisher von fast 100 Sitzen aus. Laut der Umfrage kann sich seine Volkspartei aber nur von 66 auf maximal 88 Mandate verbessern.

Kaum jemand hat damit gerechnet, dass die Rechtspopulisten, die erst seit April im spanischen Parlament vertreten sind, kurz vor dem Urnengang derart zulegen werden. "Grund dafür ist vor allem der Konflikt mit der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, welcher bei vielen Spaniern unter dem Eindruck der jüngsten Ausschreitungen das Gefühl verstärkt hat, die Einheit des Landes stehe auf dem Spiel", erklärte die spanische Politikwissenschaftlerin Maria Jose Canel im Gespräch mit der APA. Ein nicht zu unterschätzendes Angstgefühl, das gerade unter dem Eindruck der sich in Spanien und anderen europäischen Ländern anbahnenden Rezession und des Brexit an Bedeutung gewinnt.

Hohe Haftstrafen

Nachdem neun katalanische Separatistenführer Mitte Oktober wegen der Durchführung des illegalen Unabhängigkeitsreferendums 2017 zu hohen Haftstrafen verurteilt worden waren, kam es in der nach Unabhängigkeit strebenden Region im Nordosten Spaniens zu teils gewalttätigen Ausschreitungen und regelrechten Straßenschlachten mit der Polizei. "In dieser Situation sorgt Vox mit seinen radikalen Lösungsvorschlägen und seinem patriotisch-nationalistischen Diskurs für viel Sympathien", erklärt Expertin Canel.

Bei der TV-Wahldebatte der Spitzenkandidaten am vergangenen Montag machte Vox-Chef Santiago Abascal auch klar, wie er in Katalonien vorgehe möchte: Er forderte, Katalonien den Autonomiestatus zu nehmen, separatistische Parteien zu verbieten und Kataloniens separatistischen Regionalpräsidenten Quim Torra "in Handschellen" abzuführen und vor Gericht zu stellen. Hardcore-Lösungen, die wie das Vox Leitmotiv "Spanien und Spanier zuerst" anscheinend auf Sympathie bei vielen Wähler treffen.