Auf noch einen weiteren Monat kommt es Ursula von der Leyen vielleicht auch nicht an. Früh genug wird sie sich nämlich den Herausforderungen ihrer Arbeit als EU-Kommissionspräsidentin stellen müssen - auch wenn sich ihr Amtsantritt bereits verzögert hat. Am 1. November hätten sie und ihr Team die Posten von der Mannschaft rund um den scheidenden Präsidenten Jean-Claude Juncker übernehmen sollen, doch hat das EU-Parlament drei der Kommissarskandidaten abgelehnt.

Nun ist der 1. Dezember als Starttermin angepeilt - und auch der wackelt schon. Dafür gibt es zwei Gründe: die Zitterpartie um die Bestätigung der neuen Kommissarsanwärter im EU-Abgeordnetenhaus und der aufgeschobene Brexit.

Am morgigen Donnerstag stehen die Anhörungen der Kandidaten aus Ungarn, Rumänien und Frankreich in den zuständigen Fachausschüssen in der Volksvertretung in Brüssel auf dem Programm. Oliver Varhelyi soll sich in der neuen Kommission um die Themen Erweiterung und Nachbarschaftspolitik kümmern, und Adina-Ioana Valean soll das Verkehrsressort leiten. Thierry Breton wiederum soll das gewichtige Portfolio Binnenmarkt und Industriepolitik übernehmen.

Die Zustimmung zur Nominierung des Franzosen fiel im Rechtsausschuss, der im Vorfeld der Anhörung mögliche finanzielle Interessenskonflikte prüft, äußerst knapp aus. Kurz zuvor hatte sich Breton, der das IT-Unternehmen Atos geführt hatte, von einem umfangreichen Aktienpaket getrennt. Vor der dreistündigen Befragung morgen durch die Parlamentarier war dann unklar, ob diese die Kür Bretons absegnen. Die Fraktionsvorsitzenden hielten sich bedeckt: Sie wollten die Anhörungen abwarten.

Zwist um britisches Mitglied

Besteht der französische Kandidat den Test im Abgeordnetenhaus nicht, wird es unwahrscheinlich, dass die Mandatare - wie derzeit geplant - bei ihrer Plenarsitzung Ende November über die gesamte Kommission abstimmen können. Paris müsste nämlich wieder einen Bewerber nachnominieren, und dieser hätte wieder eine Anhörung vor sich. Das Datum des 1. Dezember wäre so kaum haltbar.

Eine Verzögerung ist ebenfalls durch das Brexit-Chaos denkbar, da sich der EU-Austritt Großbritanniens verschiebt. Daher müsste auch London einen Kandidaten für Brüssel benennen, worauf von der Leyen schon in zwei Briefen an die britische Regierung gedrängt hat. Premier Boris Johnson hat bisher aber abgewunken. In der Zwischenzeit hat er eine Neuwahl für 12. Dezember angesetzt und will wohl keine Zweifel an seinem Austrittswillen aufkommen lassen, indem er einen Kommissarsanwärter nominiert. Ein Regierungssprecher sagte der Deutschen Presse-Agentur nur: "Das Vereinigte Königreich wird seine rechtlichen Verpflichtungen einhalten."

Die Meinungen darüber, ob die Kommission auch ohne ein britisches Mitglied ihre Arbeit aufnehmen kann, gehen auseinander. Offenbar gibt es Befürchtungen, dass in so einem Fall künftige Entscheidungen der Behörde angefochten werden können. Andererseits gab es immer wieder Monate, in denen ein Kommissar ausgefallen war - etwa durch einen Jobwechsel oder Rücktritt.

Diskussion um Verkleinerung

Die Debatte darüber heizt auch jene über eine mögliche Verkleinerung der Kommission an. Vorschläge dazu hat es immer wieder gegeben, und auch der Lissabonner EU-Vertrag sieht vor, dass die Zahl der Kommissare zwei Dritteln der Mitgliedstaaten entsprechen soll.

Diese Regelung hätte bereits vor fünf Jahren gelten können. Doch haben die Staats- und Regierungschefs da einstimmig beschlossen, dass jedes Land weiterhin einen Vertreter nach Brüssel schicken soll. Sie könnten die Entscheidung auch rückgängig machen. Dafür bräuchte es aber erneut Einstimmigkeit.