"Wiener Zeitung": Mit Vaclav Havel wurde nach der Samtenen Revolution ein Schriftsteller und hochintellektueller Mensch Präsident. Könnte das heute auch passieren oder war das nur damals unter diesen bestimmten Umständen möglich?

Jiri Pehe: Ich denke, dass das heute schwer denkbar wäre - und die heutige Zeit wohl auch kaum jemanden wie Vaclav Havel hervorbringen würde. Sein Werdegang war ganz bestimmten historischen Umständen geschuldet. Er war der Anführer der Dissidentenbewegung, und als das Regime zu kollabieren begann, war es logisch, dass die Wahl auf ihn fiel. Wobei er selbst nie ein Politiker sein wollte.

Hat er sich im Laufe der Zeit mit seiner Rolle als Politiker angefreundet?

Jiri Pehe studierte zunächst in Prag. Anfang der 1980er Jahre floh er in die USA, erhielt dort politisches Asyl und promovierte er an der Columbia University. Er kehrte 1995 nach Prag zurück und war von 1997 bis 1999 Direktor der Politischen Abteilung der Kanzlei von Präsident Havel. Seit 1999 leitet der Autor zahlreicher Bücher über tschechische und internationale Politik die New York University in Prag. - © New York University
Jiri Pehe studierte zunächst in Prag. Anfang der 1980er Jahre floh er in die USA, erhielt dort politisches Asyl und promovierte er an der Columbia University. Er kehrte 1995 nach Prag zurück und war von 1997 bis 1999 Direktor der Politischen Abteilung der Kanzlei von Präsident Havel. Seit 1999 leitet der Autor zahlreicher Bücher über tschechische und internationale Politik die New York University in Prag. - © New York University

Zunächst sah er sein politisches Amt als Dienst an der Nation an - aber mit der Zeit mochte er es, es hatte auch den Reiz von etwas Neuem. Gleichzeitig hat er auch immer eine gewisse Distanz zum typischen Politbetrieb gewahrt. So wie er während des Kommunismus ein Dramatiker und Dissident war, war er dann in einer gewissen Form auch ein dissidenter Politiker. Er formulierte viele Ideen, die gewöhnliche Politiker nicht aussprechen würden - weil diese Ideen zu langweilig für ihre Wähler sind oder ihnen nur Probleme bereiten. Havel sprach von globaler Verantwortung, davon, dass es für die Demokratie entscheidend ist, dass jeder Einzelne achtsam mit seiner Freiheit umgeht. Viele Reden von ihm hatten einen sehr philosophischen Charakter.

Definierte Havel sich selbst als moralische Autorität?

Er musste sich nicht als moralische Autorität definieren, weil er eine war. Seine Erfahrungen als Dissident nahm er in die Politik mit. Er war davon überzeugt, dass Politik moralischen Grundsätzen folgen müsse, und lehnte sie als reines Machtwerkzeug ab.

Hat er damit die tschechische Gesellschaft beeinflusst?

Meiner Meinung nach war er nicht sehr erfolgreich dabei, die tschechische Gesellschaft moralisch zu beeinflussen. Vielmehr war er für sie ein unangenehmes Spiegelbild. Erstens wegen der Ideen, die er äußerte. Und zweitens, weil er sehr mutig während des kommunistischen Regimes war - womit er für viele Bürger eine Erinnerung an ihren Mangel an Courage darstellte. Und in der Transformationsperiode in den 1990er Jahren, in der es zu vielen wirtschaftlichen Verbrechen kam, sahen wir nicht, dass seine moralischen Grundsätze viel Eingang in die tschechische Gesellschaft gefunden hätten.

Wie sehr hat er auch eine Illusion über Tschechien geschaffen?

Ich habe manchmal mit ihm gescherzt und gemeint, dass er sozusagen ein irreführender Werbeträger sei. Er hatte so ein hohes Ansehen im Westen und viele Menschen dort haben dazu tendiert anzunehmen, dass viele Tschechen so wie Havel sind, und nicht gesehen, dass er eine Ausnahme ist. Mit seinem Abtritt von der politischen Bühne ging deshalb auch eine Ernüchterung einher.