Die Idee ist simpel: Jeder hat das Recht, irgendwo zu wohnen. Auch wenn man psychische, gesundheitliche oder finanzielle Probleme hat, süchtig ist oder keinen Kredit bei einer Bank bekommt. Die Theorie des finnischen Konzepts "Housing First" lautet nämlich, dass es einfacher ist, eine Vielzahl von Problemen im Leben anzugehen, wenn die obdachlose Person eine stabile Wohnsituation hat.

Finnland hat bewiesen, dass mit dem Konzept ein Großteil der obdachlosen Menschen nicht mehr auf der Straße lebt.

Finnland hat sich ein Ziel gesetzt: Auf den Straßen soll niemand leben müssen. Als einziges Land Europas geht hier die Obdachlosenzahl zurück.
Finnland hat sich ein Ziel gesetzt: Auf den Straßen soll niemand leben müssen. Als einziges Land Europas geht hier die Obdachlosenzahl zurück.

Die Wartelisten sind jedoch lang, aber die Regierung arbeitet an der Problemstelle. Bisher ist Finnland das einzige Land in Europa, wo die Obdachlosigkeit zurückgeht. Juha Kaakinen ist der Geschäftsführer der Y-Foundation, einer Institution für leistbares Wohnen. Sie verfügt über mehr als 17.000 Mietwohnungen im ganzen Land. Der Vermieter hat das finnische Modell des "Housing First"-Konzepts mitentwickelt. 2007 wurde eine Arbeitsgruppe mit dem Plan gebildet, eine langfristige Lösung für Obdachlosigkeit zu finden.

Die Y-Foundation stellt Wohnungen zur Verfügung, sie kaufen Immobilien, darunter auch ehemalige Notunterkünfte, und renovieren sie, falls nötig. Die Wohnungen haben ein bis zwei Zimmer.

Modell nach vier Prinzipien

Das finnische Modell hat vier Prinzipien: 1) Die Betroffenen können autonom als Mieter mit einem regulären Mietvertrag in ihrer Wohnung leben. 2) Sie können selbst den Kontakt zu den Service-Stellen wählen und müssen nicht - wie sonst oft gefordert - drogenfrei sein. 3) Die Sozialarbeiter begegnen den Mietern auf gleicher Ebene und versuchen, Vertrauen aufzubauen und sie zu motivieren. 4) Die Integration der Mieter in die Gesellschaft soll unterstützt werden, ihre Netzwerke gestärkt werden.

In Finnland hat sich das in Zahlen so ausgewirkt: Nach 10 Jahren leben heute nur einige Hundert Menschen auf der Straße, 4.600 Wohnungen wurden vermittelt. Noch vor zwei Jahren waren es 1.900 Obdachlose, sie schlafen jedoch in Notschlafstellen, nicht auf der Straße. Natürlich muss das Konzept auch finanziert werden. In den vergangenen Jahren beliefen sich Bau, Ankauf und Renovierungen der Wohnungen insgesamt 270 Millionen Euro. Das ist jedoch viel weniger als Obdachlosigkeit den Staat kostet. Im Vergleich: Der Staat zahlt für "Housing First" pro Kopf 15.000 Euro weniger als für einen obdachlosen Menschen, hat die Plattform "Kontrast"  ausgerechnet.

Das erste "Housing First"-Modell tauchte im New York der frühen 1990er Jahre auf. Initiator war die Organisation "Pathways to Housing", die sich vordergründig um Menschen mit psychischen Problemen kümmerte. Ähnlich in New Orleans, wo sich durch den 2005 wütenden Hurrikan "Katrina" die Zahl der Obdachlosen verdoppelte.