Am 17. November 1989 begann das kommunistische System in der CSSR zu kippen. Seit dem Sommer war auf den Straßen Prags gegen das Regime demonstriert worden. Es war auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich, dass sich rund 18.000 Studenten vor der medizinischen Fakultät versammelten. Offiziell wurde des Studenten Jan Opletal gedacht, der 50 Jahre davor von der Gestapo ermordet worden war. Da konnten die Behörden nichts dagegen haben.

An jenem 17. November führten die Demonstranten Banner mit sich, die KP-Chef Milos Jakes in Nazi-Uniform zeigten. Sie zogen durch die menschenleere Narodni-Straße zum Wenzelsplatz. Aus den Nebenstraßen kamen Einheiten der Sonderpolizei und prügelten auf die Flüchtenden ein. Ein Student sei getötet worden, hieß es, die Opposition stellte sofort klar, dass es sich um "Fake News" handelt. Die kommunistische Parteizeitung "Rude Pravo" schrieb am Folgetag, dass die Polizei im Stadtzentrum "für Ruhe und Ordnung" gesorgt habe. Doch mit der KP-Beschaulichkeit war es längst vorbei, der Umsturz nicht mehr aufzuhalten.

Die Regimegegner - und das war mittlerweile ein großer Teil der Bevölkerung - wurden von "Radio Free Europe" und "Voice of America" über die Ereignisse informiert. An der Grenze zu Österreich spielte der ORF mit der Prag-Korrespondentin Barbara Coudenhove-Kalergi eine große Rolle. Auch die "Wiener Zeitung" berichtete am 18. November 1989 auf Seite eins, dass zehntausende Studenten den Sturz der reformunwilligen KP gefordert hätten.

Am 20. November waren 250.000 Menschen auf der Straße, man organisierte sich via Mundpropaganda und Festnetz-Telefon. Die Protestwelle griff auf Teplice, Brünn und Bratislava über und erreichte schließlich fast alle Provinzstädte. Rund eineinhalb Millionen Menschen schlossen sich der Samtenen Revolution an, die verzweifelten Bemühungen der KP zu retten, was zu retten ist, waren spätestens zu diesem Zeitpunkt zum Scheitern verurteilt.

Eine Mischung aus Angst, Erleichterung und Euphorie, von Siegesgewissheit und einem einzigartigen Gefühl der Solidarität sei es gewesen, die damals auf den Straßen geherrscht habe, erinnern sich Menschen, die damals mit dabei waren.

Geheimpolizei war überall

Philipp Ther ist heute in Wien Professor für Osteuropäische Geschichte. Zur Zeit der Wende war er 22 Jahre alt und Student in Prag, wie er im Rahmen einer Veranstaltung im Institut für die Wissenschaften vom Menschen erzählt. Zu Beginn des Aufstandes sei die Angst noch groß gewesen, auf die Straße zu gehen: "Alles war voll mit Geheimpolizei und mit Militär", so Ther. Und es sei nicht klar gewesen, "ob das Regime nicht doch die chinesische oder rumänische Lösung wählt" - also zu Mitteln gewaltsamer Repression greift.