Tatsächlich war die Polizeigewalt in Prag am 17. November beträchtlich. Doch als am 20. November Hunderttausende auf die Straße gingen, "war keine Angst mehr vorhanden", so Ther, der sich an einen "wunderbarer Moment von Partymachen, der Freiheit und der Freude" erinnert. Der heutige Uni-Professor verweist auch darauf, dass die im Sterben begriffenen KP-Diktaturen kein Monopol auf extreme Polizeigewalt hatten. "Das hat es auch in Westdeutschland gegeben, wenn man an die Demonstrationen gegen das AKW Wackersdorf denkt." Einer befreundeten Journalistin sei damals von den Beamten der Beckenknochen gebrochen worden.

Die Wiener Zeitung am 21. November 1989. - © WZ
Die Wiener Zeitung am 21. November 1989. - © WZ

Was dem Historiker aber besonders in Erinnerung geblieben ist, ist die Solidarität in den Tagen der Wende und den Monaten danach. Chefs seien ganz selbstverständlich mit ihren Angestellten essen gegangen und hätten ihre Freizeit mit ihnen verbracht. Das vorherrschende Gefühl von Konkurrenz, Neid und Missgunst hat Ther als Student und freiberuflicher Journalist in Deutschland erlebt, nicht aber im Prag jener Tage. Die Einkehr der "Normalität" ab 1990, das beginnende Hickhack der Parteien habe diesen Zustand schrittweise zunichtegemacht.

Maria Sykorova war im November 1989 einfache Angestellte bei einem staatlichen Baukonzern in Bratislava. Sie erinnert sich noch gut an die Jubelstimmung dieser Tage: Im Zentrum der Stadt sei eine Bühne aufgebaut gewesen, ein Redner nach dem anderen habe sich mit der Revolution solidarisch erklärt. Alles sei damals sehr spontan und ungeplant verlaufen. Angst? Die habe sie in dieser Zeit sehr wohl gehabt, gibt sie zu. Vor allem, weil ihr Ehemann, damals ein evangelischer Regimegegner, stets große Risiken eingegangen sei. So habe Sykorovas Mann den gemeinsamen Kindern Lieder der damaligen Protest-Ikone Karel Kryl vorgespielt - ein riskantes Unterfangen, das Sanktionen hätte nach sich ziehen können.

"Patschenkino" statt Umsturz

Wobei Sykorova darauf hinweist, dass die Demontage des Kommunismus in Bratislava schrittweise erfolgt sei. Sie erinnert an die "Kerzendemonstration", die am 25. März 1988 in der KP für Verunsicherung sorgte. Tausende katholische Regimegegner demonstrierten in Bratislava, friedlich und mit Kerzen in der Hand. Der Protest wurde von der Polizei brutal niedergeschlagen. Wobei das Regime nicht nur auf die Macht der Polizeiknüppel vertraute, wie sich Sykorova erinnert. So wurde etwa das Fernsehprogramm von der kommunistischen Führung eiligst geändert und ein damals ungemein populärer Spielfilm gezeigt, um die Menschen von der Straße wegzubringen und an die TV-Geräte zu fesseln.

Milan Zitny war in Bratislava von Beginn an am Umsturz beteiligt. Der Künstler - der schon zu KP-Zeiten für das Theater arbeitete und Liedertexte schrieb - war zum Zeitpunkt der Revolution dem studentischen Milieu verhaftet, wie er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erzählt. Wobei die Ereignisse schon am 16. November ihren Lauf nahmen: "Das war ein Donnerstag und 100 bis 200 Studenten haben sich getroffen und sind quer durch Bratislava gegangen. Die Parole war: ,Wir wollen Freiheit!‘"