"Wiener Zeitung": Frau Keller, die Grünen zählten bei der EU-Wahl im Mai zu den Gewinnern. Trotzdem stehen Sie und Ihre Fraktion jetzt kurz vor dem Amtsantritt der neuen Kommission unter Ursula von der Leyen mit leeren Händen da. Wie konnte das geschehen?

Ska Keller: Na ja, warten wir einmal ab, ob das am Ende wirklich so sein wird.

Derzeit ist es aber so. Europäische Volkspartei, Sozialdemokraten und Liberale haben sich alle wesentlichen Positionen gesichert.

Uns Grünen geht es aber darum, die Politik in Europa voranzubringen und zu verändern, und tatsächlich haben wir jetzt alle Möglichkeiten der Welt dazu. Wir haben massiv von 52 auf 75 Mandate zugelegt und wir sehen, wie knapp die Mehrheiten nun sind. Das zeigt sehr deutlich, dass es für die drei Großen nicht so einfach wird, weil sie ja kein geschlossener Block sind, sondern auch individuell abstimmen.

Sind denn die Grünen im EU-Parlament ein geschlossener Block?

Zumindest in der Vergangenheit haben wir stets sehr geschlossen abgestimmt; ich denke, das wird weiter so sein.

Was macht Sie so zuversichtlich, dass sich die drei Großen nicht die großen Themen untereinander abstimmen und die Grünen außen vor lassen?

Weil es zu den positiven Besonderheiten des EU-Parlaments gehört, dass Fraktionen, ja einzelne Abgeordnete, mit Hartnäckigkeit und guten Argumenten Veränderungen bewirken können. Deshalb wächst auch unsere Rolle mit der Zahl unserer Abgeordneten. Es hat sich jetzt schon gezeigt, dass bei allen strukturellen Themen jede Mehrheit ohne uns extrem wackelig ist.

War es im Rückblick ein Fehler, von der Leyen nicht gewählt zu haben?

Nein. Wir hatten uns wirklich auf Gespräche mit den drei großen Fraktionen eingelassen. Doch dann haben sich Volkspartei, Sozialdemokraten und Liberale entschlossen, das ohne uns zu machen. Okay, ist so. Wir stehen jetzt aber nicht im Schmollwinkel. Auch wenn von der Leyen bei der Anhörung auf viele unserer Fragen keine Antwort geben konnte und beim Klimaschutz mehr als vage blieb, werden wir konstruktiv mit der neuen Kommission zusammenarbeiten. Es muss halt um Inhalte gehen.

Frankreichs Staatspräsident Macron hat der EU kürzlich attestiert, sie stehe vor einem Abgrund, wenn es nicht gelinge, sich auf Augenhöhe mit China und den USA zu positionieren; vor allem in Sachen Sicherheit müsse sich die EU aus der Abhängigkeit von den USA befreien. Teilen Sie diese Einschätzung?

Wenn Macron die Union stärken will, warum hat er dann im Sommer das Spitzenkandidatensystem für die Wahl des EU-Kommissionschefs torpediert? Warum hat er jetzt die Beitrittsgespräche mit Albanien und Nordmazedonien blockiert? Viele von Macrons Ideen, etwa jene zur Reform der Eurozone, teilen wir, aber hier hat er schwere strategische Fehler gemacht, die zu Lasten der EU gehen.