Die Spitzen der Europäischen Volkspartei (EVP) treffen sich am Mittwoch und am Donnerstag in Zagreb, um einen neuen Vorsitzenden zu wählen. Einziger Kandidat für die Nachfolge des Franzosen Joseph Daul ist der Pole Donald Tusk, der scheidende EU-Ratspräsident. Kein Thema wird die Frage eines Ausschlusses der derzeit suspendierten ungarischen Regierungspartei Fidesz sein. Eine Kommission, der unter anderem auch Österreichs Alt-Kanzler Wolfgang Schüssel angehört, hat ihren Bericht noch nicht abgeschlossen.

In Zagreb mit dabei ist auch Manfred Weber. Die "Wiener Zeitung" traf den einflussreichen EVP-Fraktionschef im EU-Parlament in Brüssel zum Interview.

"Wiener Zeitung": Herr Weber, wann wird die neue EU-Kommission mit Ursula von der Leyen an der Spitze endlich ihr Amt antreten?

Manfred Weber: Mit 1. Dezember; ich bin sehr zuversichtlich, dass es klappen wird.

Was macht Sie so sicher?

Die Debatten der vergangenen Tage. Es ist ein breiter Wille da, dass wir zu arbeiten beginnen. Das erwarten auch die Menschen von uns.

Dass London sich weigert, einen britischen Kommissar zu nominieren, ist für Sie keine unüberwindliche rechtliche Hürde?

Großbritannien ist in einer Sonderrolle. Ich verstehe, dass jemand, der austreten will, jetzt nicht noch einen neuen Kommissar bestellt. Und dieses Problem lässt sich rechtlich lösen. Am einfachsten wäre, wenn der Rat mit einem Sonderbeschluss die Möglichkeiten des Lissabonner Vertrags nutzt, sodass die Kommission auch mit einem Kommissar weniger starten kann.

Europa stehe am Abgrund, hat Frankreichs Präsident Macron der EU attestiert. Teilen Sie diese Diagnose?

Wenn man von einem Abgrund spricht, erzeugt das vor allem Angst. Ich dagegen schöpfe Kraft und Zuversicht aus dem großen Demokratie-Fest im Mai, als über 200 Millionen Bürgerinnen und Bürger an der EU-Wahl teilgenommen haben. Ich finde diesen negativen Ton nicht gut, mir wäre lieber, wenn wir Lust auf Zukunft machen würden. Wo Emmanuel Macron recht hat, ist, dass wir Europäer vor großen Aufgaben stehen: Wir müssen unsere Industrien zukunftsfest machen, den Klimawandel bekämpfen und die Migrationsströme kontrollieren. Was wir aber vor allem benötigen, ist ein europäisches Bewusstsein. Die Menschen müssen wissen, dass wir einen "European Way of Life" und von dem abgeleitete gemeinsame Werte haben, die es auch zu verteidigen gilt.

Gemeinsame Werte beschwört man meistens dann, wenn diese besonders umkämpft sind. Was fällt für Sie unter diese "europäischen Werte"?