Das Austrittsabkommen des britischen Premiers Boris Johnson sieht eine Handelsgrenze zwischen Großbritannien und Nordirland vor. Zuvor bestand die Gefahr einer harten Grenze zu Irland - eine Horrorvision für Republikaner?

Eine harte Grenze wäre keine Katastrophe für die Dissidenten gewesen, im Gegenteil. Die Normalisierung der Teilung Irlands liegt überhaupt nicht in ihrem Interesse. Gibt es eine harte Grenze, würde das der Bevölkerung die Teilung wieder vor Augen führen. Momentan bekommt man sie kaum mit, es ändert sich ja nur die Währung. Viele Republikaner haben sich die harte Grenze insgeheim erhofft.

Weil sie dann mit den Grenzposten ein klares Ziel hätten?

Das wurde häufig so dargestellt. Dabei wird vergessen, dass Nordirland ohnehin keine friedliche Gesellschaft ist. Es gibt immer wieder Anschläge, Paramilitärs beider Seiten haben seit dem Karfreitagsabkommen knapp 180 Menschen getötet. Ich glaube nicht, dass republikanische Gruppen eine Kampagne gegen Grenzposten gestartet hätten. In den Medien wurde die Grenzfrage viel mehr aufgebauscht, als intern die Rede davon war. Das war kein Rekrutierungsgrund. Die irische Regierung und die EU wollen keine Grenzkontrollen. Da ist die Gefahr möglicher Angriffe ein gutes Argument: Wir brauchen den Backstop, sonst kommt wieder der Nordirlandkonflikt. Der kommt aber in dieser Weise nicht mehr, auch nicht mit dem Brexit und einer harten Grenze in Irland.

Sie würde aber den fragilen Frieden in Nordirland aufs Spiel setzen.

Ja, es ist eine zusätzliche Spaltung, sie vertieft die Gräben in der Bevölkerung. Man sieht das auch bei den aktuellen Kampagnen vor den Westminster-Wahlen am 12. Dezember. Dabei geht es kaum um Inhalte, es heißt: Unsere Seite muss gegen die anderen gewinnen. Diese Spaltung verschärft sich durch den Brexit.

Unionisten, darunter die DUP, fühlen sich verraten von den Tories, loyalistische Milizen haben Gewalt angekündigt. Ist die Gefahr durch sie größer als durch republikanische Paramilitärs?

Ja. Für Loyalisten, also radikale Unionisten, ist Johnsons Deal ein Verrat, weil Nordirland anders behandelt wird als der Rest des Vereinigten Königreichs. Unter Loyalisten gibt es seit langem das Verständnis, von der eigenen politischen Führung verraten worden zu sein durch den Friedensvertrag. Die vielversprechende Friedensdividende ist ausgeblieben. Durch die weltweite Finanzkrise und die Deindustrialisierung sind viele Jobs verloren gegangen, die Schuld wird dem Friedensprozess und den Katholiken zugeschoben. Als die Ulster Volunteer Force die Waffen abgegeben hat, tat sie das im Glauben, dass die Union mit Großbritannien geschützt ist. Der Deal Johnsons verschärft das Verständnis, verraten worden zu sein.