London. Der britische Premier Boris Johnson steuert einer Umfrage zufolge auf einen deutlichen Sieg bei der Neuwahl am 12. Dezember zu. Die Konservativen könnten auf eine Mehrheit von 68 Sitzen kommen, wie aus einer am Donnerstag veröffentlichten Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die "Times" mit mehr als 100.000 Befragten hervorgeht. Labour droht demnach das zweitschlechteste Ergebnis der Nachkriegszeit. Für die Tories wäre es das beste seit Margaret Thatchers Wahlsieg 1987.

Derzeit haben die Konservativen keine Mehrheit im Parlament. Johnson will mit der Neuwahl die Unterstützung für seine Brexit-Pläne im völlig zerstrittenen Parlament ausbauen. Zu den weiteren heißen Eisen im Wahlkampf gehört der marode staatliche Gesundheitsdienst NHS.

Das wichtigste Wahlversprechen der Konservativen ist, den EU-Austritt bis zum 31. Jänner 2020 mit dem nachverhandelten Brexit-Deal zu vollziehen. Labour will hingegen binnen drei Monaten ein neues Abkommen verhandeln. Anschließend sollen die Briten in einem zweiten Referendum die Wahl zwischen einem Brexit mit enger Anbindung an die EU oder einem Verbleib in der Staatengemeinschaft haben.

Schuld sei Corbyn

Würde jetzt gewählt, könnten die Konservativen laut Umfrage 359 von 650 Sitzen bekommen; 42 mehr als 2017. Die größte Oppositionspartei Labour von Jeremy Corbyn würde nur noch 211 Sitze und damit 51 weniger erhalten. Die Tories würden vor allem in den Labour-Hochburgen der Midlands um Birmingham und in Nordengland dazugewinnen.

Die Schottische Nationalpartei (SNP) von Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon käme der Umfrage zufolge bei der Neuwahl auf 43 Sitze (plus 8), die EU-freundlichen Liberaldemokraten kämen auf 13 (plus ein Sitz).

Das vorausgesagte schlechte Abschneiden von Labour wird vor allem Corbyn angelastet: An dem Alt-Linken scheiden sich die Geister. Viel Kritik brachte ihm ein, dass er spät seine Haltung zum Brexit dargelegt hat. Außerdem werden immer wieder Antisemitismusvorwürfe gegen ihn und seine Partei laut. Der 70-Jährige räumte ein, dass Disziplinarverfahren gegen antisemitische Parteimitglieder zu langsam und zaghaft betrieben worden seien.

Allerdings sind die Umfrageergebnisse mit Vorsicht zu genießen. Bei der Unterhauswahl im Juni 2017 hatten die Demoskopen der damaligen Regierungschefin Theresa May einen klaren Sieg vorhergesagt. Corbyns Labour konnte aber unerwartet hinzugewinnen, während die Tories ihre absolute Mehrheit im Unterhaus einbüßten. Die YouGov-Umfrage war jedoch 2017 recht zuverlässig, indem sie ein Parlament ohne klare Mehrheitsverhältnisse vorhersagte.(dpa/reu)