Ohne Zuckerbrot, nur mit Peitsche versucht Annegret Kramp-Karrenbauer derzeit, den Koalitionspartner in der Regierung zu behalten. Die CDU-Vorsitzende stellt das sozialdemokratische Kernanliegen der Grundrente, eines Aufschlags für Niedrigpensionen infrage, falls die Genossen aussteigen. "Wir werden in das parlamentarische Verfahren erst dann einsteigen, wenn klar ist, dass diese Koalition auch fortgesetzt wird", sagt Kramp-Karrenbauer. Sie hält auch nichts vom Ende des ausgeglichenen Budgets, das die neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken fordern. Die "schwarze Null" ist einer der letzten konservativen Markenkerne. Kramp-Karrenbauer wird sich hüten, diese aufzugeben.

Weil derzeit völlig unklar ist, wohin die SPD bei ihrem Parteitag ab Freitag steuert, planen die CDU und ihre Schwester CSU auch Szenarien für eine Zukunft ohne Schwarz-Rot.

Da die Konservativen nicht mit AfD und Linkspartei können und wollen, blieben für einem fliegenden Regierungswechsel nur FDP und Grüne als Partner übrig. Im November 2017 scheiterten die Gespräche über ein "Jamaika"-Bündnis an den Liberalen. Diesmal haben die Grünen nicht das geringste Interesse an einem Regierungseintritt. Bei der Bundestagswahl 2017 erreichten sie keine neun Prozent, nun sagen ihnen Umfragen 20 Prozent oder mehr voraus. Die Öko-Partei setzt daher ganz auf Neuwahlen.

"Neuwahlen unverantwortlich"

Diese Aussicht müssen Union und SPD mit Blick auf die Umfragewerte - 27 beziehungsweise 14 Prozent - fürchten. Nordrhein-Westfalens CDU-
Ministerpräsident Armin Laschet sagt mit Blick auf die noch im Bundestag zu beschließenden wichtigen Gesetze über das Klimapaket, die Grundrente und den Aussteig aus der Kohlekraft bis 2038: "In so einer Phase, die die Volkswirtschaft unmittelbar betrifft, Neuwahlen zu machen, ist unverantwortlich."

Bleibt nur noch eine Möglichkeit: eine Minderheitsregierung. In der CDU melden sich erste Befürworter dieser Variante zu Wort. Falls sich die SPD "im Selbstzerstörungsmodus aus der Verantwortung stehlen" wolle, müsse die Union Verantwortung für Deutschland übernehmen, meint Vizeparteichef Thomas Strobl, der auch Landesvorsitzender im ehemaligen schwarzen Kernland Baden-Württemberg ist. "Der experimentelle Charakter und die veränderte Rolle des Parlaments haben Charme", schwärmt auch Friedrich Merz.