"Wiener Zeitung": Labour liegt in den Umfragen hinter den Tories, manche rechnen mit einer absoluten Mehrheit für Boris Johnson. Was macht Labour-Chef Jeremy Corbyn falsch?

Deirdre Heenan: Die Menschen vertrauen Corbyn nicht. Hätte Labour einen anderen Chef, dann könnte die Partei bei den Wahlen am 12. Dezember einen Erdrutschsieg einfahren. So aber gelingt es den Tories, Corbyn zu diskreditieren. Labour hält dem Tory-Chef Boris Johnson die Tür auf, damit er in die Downing Street zurückkehren kann. Die Tories sind in allen Umfragen weit vor Labour - trotz der Lügen und Unwahrheiten, die sie verbreiten. Zuletzt weigerte sich Johnson, Interviews zu geben und schlachtete das tödliche Attentat in London politisch aus. All das scheint ihm aber nicht zu schaden.

"Mit einem anderen Chef könnte Labour einen Erdrutschsieg einfahren": Corbyn bei einer Wahlkampfveranstaltung in London. - © APAweb /reu
"Mit einem anderen Chef könnte Labour einen Erdrutschsieg einfahren": Corbyn bei einer Wahlkampfveranstaltung in London. - © APAweb /reu

Wie ist das möglich?

Die Menschen sehen Johnson als geringeres Übel. Das zeigt, wie beschädigt Corbyns Ansehen ist. Die Menschen verbinden ihn mit Sozialismus und Trotzkismus. Sein Vorschlag zur Besteuerung von Reichen hat einen geringen Einfluss auf Großverdiener, dennoch glauben viele, sie müssten unter Corbyn 40 Prozent ihres Einkommens abgeben. Es ist schwer, der Debatte mit Fakten beizukommen. Die Tories versprechen 50.000 zusätzliche Krankenschwestern, dabei existieren davon bereits rund 20.000 (sie sollen dem staatlichen Gesundheitssystem NHS lediglich erhalten bleiben, Amn.). Dieses Versprechen wurde als Lüge enttarnt, aber die Regierung wiederholt es immer wieder. Die Tories sind dreist, die Wahrheit gerät unter die Räder. Dennoch gewinnen sie die Debatte.

Sinn-Féin-Kandidat John Finucane könnte dem DUP-Chef im Unterhaus, Nigel Dodds, den Sitz wegnehmen. - © APAweb /afp
Sinn-Féin-Kandidat John Finucane könnte dem DUP-Chef im Unterhaus, Nigel Dodds, den Sitz wegnehmen. - © APAweb /afp

Corbyns Programm scheint den Briten zu sozialistisch zu sein. Oder schafft er es schlicht nicht, seine Ideen unters Volk zu bringen?

Beides ist richtig. Es ist bizarr, dass konservative Minister versprechen, das Chaos der vergangenen zehn Jahre aufzuräumen. Die Tories waren die ganze Zeit in der Regierung! Sie haben uns erzählt, dass für die öffentliche Hand kein Geld da ist. Jetzt wollen sie uns weismachen, dass es selbstverständlich Geld geben wird, auch für das staatliche Gesundheitswesen NHS. Es sollte der Opposition einfach fallen, radikale Veränderungen zu versprechen, doch sie erreicht die Menschen nicht. Labour müsste die Wahlen gewinnen, nicht nur wegen des Brexits, sondern auch wegen des Zustands der öffentlichen Verwaltung und der Wirtschaft. Corbyns Wahlprogramm klingt wie ein Wunschzettel von Studenten: Kostenloses Breitband, bessere Bezahlung im Niedriglohnsektor. Corbyns große Idee ist, die Industrie zu verstaatlichen, aber dafür interessieren sich die Menschen nicht, sie sehen nicht, wie das funktionieren kann. Zudem ist etwa die Renationalisierung der Schiene ein teures Langzeitprojekt.

Deirdre Heenan ist Professorin für Sozialpolitik an der Ulster University im nordirischen Antrim. Die Expertin für Bildungs- und Gesundheitspolitik ist Mitglied im irischen Staatsrat, der den Präsidenten der Republik berät. privat
Deirdre Heenan ist Professorin für Sozialpolitik an der Ulster University im nordirischen Antrim. Die Expertin für Bildungs- und Gesundheitspolitik ist Mitglied im irischen Staatsrat, der den Präsidenten der Republik berät. privat