Beide Seiten machen große Versprechen. Johnson will den Brexit durchziehen und dann innerhalb von nicht einmal einem Jahr ein Handelsabkommen mit Brüssel vereinbaren.

Das ist unmöglich. Jeder weiß das, aber niemand fragt nach, wie er das machen will. Kabinettsmitglied Michael Gove behauptet, dass der Zugang des Königreichs zu Teilen des europäischen Markts nach dem Brexit besser würde. Das ist natürlich Unsinn - und Teil des Problems: Politiker müssen sich gar nicht die Mühe machen, glaubwürdig zu sein, weil sie ohnehin niemand hinterfragt. Das ist, in dieser Zuspitzung, neu.

Falls Johnson bei den Wahlen keine absolute Mehrheit erreicht, was bedeutet das für sein Austrittsabkommen - und damit auch für die EU?

Johnson wird wieder Premier, aber ohne absolute Mehrheit. Labour wird einsehen müssen, dass Corbyn nicht wählbar ist und er und andere führende Labour-Politiker gehen müssen. Ich halte es für ein realistisches Szenario, dass wir im Frühjahr wieder Neuwahlen haben - mit einer anderen Labour-Führung.

Der Brexit wird wieder verschoben?

Damit rechne ich sowieso, denn es ist höchst unwahrscheinlich, dass es bis Ende Jänner zu einer Einigung kommt. Nach den Wahlen werden viel mehr Abgeordnete in Westminster sitzen, die weder Labour noch den Tories angehören. Bis zu hundert Sitze könnten an die Liberaldemokraten, die nordirische DUP, die schottische SNP, die Brexit Party und an Unabhängige gehen. Sie machen es schwieriger, im Parlament Mehrheiten zu finden.

Ist eine Koalition einer dieser Parteien mit den Tories denkbar?

Die SNP wird gut abschneiden, sich aber kaum auf eine Koalition mit Johnson einlassen. Die SNP hat ihre Anti-Brexit-Position sehr deutlich gemacht. Je mehr Abgeordnete sie stellt, desto schwerer wird es für die Tories. Auch für die proeuropäischen LibDems wäre es schwer, mit Johnson zu koalieren: Beim letzten Mal wurden sie völlig aufgerieben und haben viel an Vertrauen eingebüßt. Die DUP steht nach Johnsons Brexit-Deal nicht mehr zur Verfügung. Bekommt Johnson keine absolute Mehrheit, wird er aber keinesfalls zurücktreten, sondern es noch einmal versuchen. Johnson hält sich für einen modernen Winston Churchill.

Ist eine Labour-Regierung denkbar?

Möglich wäre eine Koalition zwischen Labour und der SNP. Das wäre zwar eine wackelige Angelegenheit, denn Corbyn und SNP-Chefin Nicola Sturgeon haben wenig gemeinsam. Sollte Corbyn ihr versprechen, ein zweites Unabhängigkeitsreferendum abhalten zu dürfen, könnte es aber funktionieren.

Sie leben und arbeiten in Derry. Spielt die Debatte um Corbyn und Johnson eine Rolle für Wähler in Nordirland?

Im Wahlverhalten spielen sie keine Rolle. Labour steht nicht zur Wahl und die Tories werden kaum angekreuzt. In Nordirland geht es nicht um konservativ oder Labour, sondern um den Brexit. Man wählt grün (irisch-nationalistisch) oder orange (protestantisch-unionistisch), immer noch heißt es: Die gegen uns. Diese Wahl ist eine der wichtigsten überhaupt. Das nächste Parlament in London wird bestimmen, wie es beim Brexit weitergeht. Für uns Nordiren ist das ausschlaggebend, denn wir teilen eine Grenze mit der EU.